Deiche statt Reiche: Ein Interview mit Daniel Köhler – Bürgermeister für Sylt (Interview)

15.8.2014
Willy
Interviews

10403339_10152623977819222_5374121479613099552_n-960x430

Sylt ist eine der schönsten Inseln unseres Landes und ist Jahr für Jahr ein beliebter Urlaubsort. Eigentlich hat die Nordseeinsel alles was sie braucht – einen wundervollen Strand, exzellente Fischrestaurants und an Tagesgästen und gutem Wetter mangelt es im Sommer auch nicht. Eigentlich. Denn was fehlt, ist ein/e Bürgermeister/in.

Seit April diesen Jahres steht eine Ausschreibung für die Nachfolge von Petra Reiber, die ihren Dienst nach fast 24 Jahren zum kommenden Mai quittieren wird. Daniel Köhler ist einer der Bewerber um diesen Posten. Im Interview mit uns erzählt er uns was die Rap-Kultur mit der beliebten Ferieninsel zu tun hat und was er von Gegenkandidatin Gabriele Pauli hält.

Als Aufhänger deiner Kandidatur hast du die mögliche Kandidatur von Gabriele Pauli (CSU) angegeben. Frau Dr. Pauli gibt sich zu offiziellen Anlässen gerne alles andere als zugeknöpft und interpretiert damit ihre Rolle als Frau in einer von Männern dominierten Politik offensiv. Spielt dieser Faktor eine Rolle für deine Gegenkandidatur, d.h. möchtest du durch eine offen zur Schau getragene Farblosigkeit den Blick wieder auf Inhalte lenken?

“Mir ist das Geschlecht und das Auftreten von Gabriele Pauli im positiven Sinne egal. Und wenn mit Farblosigkeit gemeint ist, dass ich ungeschminkt auftrete, dann bin ich tatsächlich farblos. Fakt ist doch, dass Gabriele Pauli und ich in den letzten, sagen wir fünf Jahren, exakt gleich viele politische Erfolge verbuchen konnten: nämlich keinen. Wenn es also um politische Inhalte geht, dann sehe ich mich mit Frau Dr. Pauli auf Augenhöhe.”

Im Oktober 2013 kandierte die Alternative für Deutschland Dessau-Rosslau (AfD) in einem Slogan „Deiche statt Drohnen“. Droht hier in deiner ersten Kandidatur für ein hohes politisches Amt gleich eine programmatische Überschneidung mit einer rechts-konservativen Partei? Dein Wahlkampfslogan „Deiche statt Reiche“ könnte in die selbe Populismus-Ecke geraten.

“Ich distanziere mich vollumfänglich von jedem, der auch nur ansatzweise die AFD unterstützt, ihr zustimmt oder mehr als einen Politiker dieser „Partei“ auswendig aufsagen kann. Und natürlich droht einem Kandidaten wie mir, der klare Botschaften aussendet, immer das Risiko missverstanden zu werden. Damit muss ich leben. Die Alternative aber, einen Wahlkampf zu führen der ohne Botschaften auskommt, kommt für mich nicht in Frage. Schließlich kandidiere ich für einen Bürgermeisterposten und nicht für das Amt des Bundeskanzlers. „Deiche statt Reiche“ ist der Auftaktslogan für eine Reihe politischer Ideen, die ich kommender Woche in einem „99 Thesen”-Papier erklären werde. In 99 Stunden. Auf Twitter. Und danach schlage ich die Thesen an die Tür der Gosch Hauptfiliale.”

Inwiefern könnten private Beziehungen zu Rappern, resultierend aus deinem beruflichen Vorleben, deine Kandidatur kompromittieren? Müssen die Menschen auf Sylt damit rechnen, dass aufgepumpte Muskelrapper an ihren Stränden mit leichten Damen schweren Alkohol konsumieren?

Ich glaube nicht, dass mein berufliches Vorleben in der Rap-Branche zu unangenehmen Situationen auf Sylt führen wird. Zumal sich die beiden Branchen ‘Muskelrapper’ und ‘Sylter’ gar nicht so sehr unterscheiden. Harter Alkohol und leichte Damen sind auch auf der Insel etablierte Statussymbole. Und mittlerweile tragen viele Rapper ja auch sehr schöne Hemden. Das fällt also kaum auf.”

Die Bertelsmann-Stiftung hat in einem Bericht aus dem Jahr 2013 aufgeführt, dass das Drei-Schichten-Modell in Deutschland immer klarer ausgeprägt ist. Auf Sylt verdichtet sich dieser Umstand, so dass sich besonders die immer kleiner werdende Mittelschicht Wohnraum auf der Insel nicht länger wird leisten können. Du wohnst in Berlin. Die Hauptstadt hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Welche Lösungsvorschläge lassen sich aus deinem aktuellen Wohnort für Sylt ableiten?

Es stimmt, ich kann in Berlin Neukölln tatsächlich seit fünf Jahren direkt beobachten, wie Milieus verdrängt werden. Am effektivsten geschieht das über eine unverhältnismäßige Anhebung der Mietpreise seitens der Vermieter. Hier muss Politik ansetzen und Wohnraum für alle bereitstellen. Für Sylt übersetzt muss das heißen: ‘Den Meeresspiegel können wir nicht aufhalten. Den Mietspiegel schon. Wohnraum für Sylter bezahlbar machen.’”

KöhlerBMSylt_Hoch Du bist privat häufiger im Jahr außerhalb Deutschlands unterwegs; auffällig sind Besuche in Lateinamerika. Werden solche Aktivitäten eingestellt, sobald du Bürgermeister von Sylt bist? Schließlich gibt es genug Arbeit auf Sylt und die Wähler können hier eine klare Positionierung zu ihrer Insel einfordern!

Meine Lateinamerika-Reisen haben einen privaten Hintergrund. Meine Eltern sind dort, genauer in El Salvador, seit knapp 12 Jahren in der Entwicklungshilfe tätig. Ich kenne also die Situation von Menschen, die ökonomisch und gesellschaftlich abgehängt wurden, sehr gut. Und ich weiß, wie ihnen geholfen werden kann. Natürlich werde ich dieses Wissen auch auf Sylt einsetzen, doch einmal im Jahr werde ich auch weiterhin meine Familie besuchen. Amt hin oder her.”

Neben der – Stand heute – noch nicht feststehenden Kandidatur von Gabriele Pauli, hat sich mit Robert Wagner aus Aachen ein neuer Kandidat zu Wort gemeldet. Als Verwaltungsangestellter der Bundeswehr kommt dem 36-Jährigen sicherlich eine Außenseiterrolle zu. Wagner lässt sich mit dem Ziel „50 Prozent“ der Stimmen zu erhalten zitieren. Sind dir solche Allmachtsfantasien in Zeiten von Wahlsiegen eines Recep Tayip Erdogan ein Dorn im Auge oder führt er damit auch dein Ziel auf?

Ich habe keine Allmachtsfantasien wie Recep Erdogan. Das liegt mir fern. Robert Wagner? Wer ist das? Sehen Sie, genau da liegt doch das eigentliche Problem in diesem Wahlkampf. Da kommen Menschen auf die Insel, die dort niemanden kennen. Menschen, die dort auch niemand kennt. Menschen, die in ihren politischen Landesverbänden keinen Stich mehr setzen und sich jetzt auf Sylt gesund stoßen wollen. Diese Menschen haben andernorts schon alles verloren und benutzen Sylt jetzt als Karrieretreppe. Das haben die Sylter nicht verdient. Mein Ziel sind 135 Unterstützerstimmen von Syltern, um an der Wahl teilnehmen zu dürfen. Der Rest ist dann Demokratie. Ich habe, im Gegensatz zu den anderen Kandidaten, nichts zu verlieren. Und wenn diese Wahl schon zu einer willkürlichen Politcasting-Show verkommt, dann bin ich – mit Verlaub – der ehrlichste und konsequenteste Kandidat darin.

Seit Generationen herrscht auf Sylt das Trauma durch den Krieg um die Insel, der im 19. Jahrhundert zwischen Deutschen und Dänen ausgefochten wurde. Was sieht Dein Programm vor, um dieses Trauma ein für allemal zu besiegen?

“Dänemark annektieren! In einer Nacht und Nebel Aktion. Das war doch der eigentliche Kern Ihrer Frage, nicht wahr?”

Über den Autor

Willy Dr. Lima

Send this to a friend