Kool Savas im Interview über Märtyrer, Tinder & Texthänger

05.11.2014
Sophie Krause
Interviews, Music, Video

Sei mal eine halbe Stunde vorher da, dann kannste ins neue Album reinhören, hieß es. Also habe ich mir vor dem Interview die Beats von „Märtyrer“ um die Ohren knallen lassen. Und zack…  30 Minuten später saß er mir und Hund Dexter dann auch schon gegenüber. Letzterer hat ihn übrigens schneller um den Finger gewickelt, als es ein ganzes Bataillon an süßen Babykatzen je schaffen würde.

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Bei Interviews steige ich immer ganz gerne mit dem Thema Essen ein. Deswegen: was gab`s bei dir heute schon?

Heute gab es ein sehr leckeres Club-Sandwich mit Avocado & Spargel. Außerdem habe ich den Tag mit einem Kakao und einer Cola begonnen. Das sind ja fast keine Getränke mehr, sondern ganze Nahrungsmittel. Ich habe also sehr viel Zucker eingeworfen.

Du bist ja auch Vegetarier und das auch schon sehr lange, oder? Aus welchen Gründen?

Ich habe damals ein paar vegetarische Mädchen kennengelernt und mit denen ne Zeit lang rum gehangen. Das waren die ersten Gymnasiastinnen die mein Kollege und ich in unserem Leben getroffen haben. Die haben erzählt wie schlimm diese Massentierhaltung ist. Aber am Anfang war das natürlich eher eine Modeerscheinung. Mit jedem weiteren Vegetarier den ich getroffen habe, habe ich mir mehr Gedanken dazu gemacht und um so mehr hat sich meine Meinung dann verstärkt. Es ist ja auch wirklich pervers. Aber ich bin kein so toller Vegetarier, weil ich noch Leder trage oder Ledersitze im Auto habe.

Kocht deine Familie dann für dich immer etwas Separates?

Die haben das schon verändert, ja. Entweder kocht mein Vater so, dass wir alle davon essen können. Oder er macht das Fleisch separat. Meine Schwiegermutter kocht z.B. ganz spezifisch vegetarisch in eigenen Pfannen und Töpfen und gibt sich da auch sehr große Mühe.

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„Märtyrer“ erscheint am 14.11. Wann hat die Arbeit an dem neuen Album begonnen?

Den ersten Song (Märtyrer) habe ich 2013 in Kanada geschrieben. Danach hab ich mir recht viel Zeit gelassen und dann den Rest erst in den letzten Monaten in Bamberg aufgenommen.

Gestern bei der Ampya Pre-Release-Party hast du auf der Bühne etwas gesagt, dass mich verwundert hat: du seist den ganzen Tag sehr nervös gewesen. Ich hätte gedacht, dass das nach 20 Jahren im Rap-Game Routine ist. Hast du Angst, die neuen Sachen könnten nicht ankommen oder davor, neue Songs zu verkacken?

Nee, ob die Sachen ankommen oder nicht, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich will den Text einfach nicht verzocken. Auch meine Frau hat mich da zum ersten Mal live gesehen. Es waren viele Faktoren, weißte. War schon keine einfache Situation. Gerade auch wegen der Textsicherheit. Wenn ich verzocke, dann nicht weil ich unmotiviert, sondern weil ich nervös bin. (Das komplette Konzert könnt ihr euch hier auf Ampya ansehen)

Aber liefs denn gut? Also ich hab jetzt keine Fehler raus gehört… (lacht)

Ja, lief gut. Ich habe von den neuen Sachen nichts verzockt. Dafür hatten wir bei ein paar Alten ein, zwei Stellen. Aber das war so unmerklich und wenn es so laut ist, bekommt man ja eh nicht alles mit. Selbst bei den neuen Sachen hätte ich richtigen Unsinn erzählen können und die Leute hätten es wahrscheinlich nicht gerafft, weil sie ja keine Referenz haben und nicht wissen, wie es eigentlich sein soll.

Ich hab mich gewundert, dass die Crowd bei der Hook von „S a zu dem V“ mitgröhlen konnte, obwohl der Song ja noch gar nicht draußen ist. Das war auf jeden Fall krass.

Ja, hat mich auch sehr gewundert. Ich glaube, die Sachen werden live gut funktionieren. Ich hatte auch das Gefühl, dass auch ohne das die Sachen bekannt waren, der Funke irgendwie übergesprungen ist. Das Album ist ja auch relativ flott und zügig… Schnack, Schnack, Schnack.

Zu Dexter gewandt, ihn durchgehend streichelnd: Mann, der ist ja echt süß.

Ja, der ist ne Kuschelliese. Der perfekte Hund. Aber zurück zum Märtyrer-Cover: es zeigt eine Zeichnung von dir, die dir dein Papa damals aus dem Gefängnis geschickt hat. Warum dieses Bild für dieses Album?

Ich finde es hat einfach im Kontrast zum Titel gut gepasst und ich fand es schön, dass es sehr persönlich ist und das ich nicht extra ein Foto machen musste. Ich kann auch vieles gar nicht so wirklich erklären, ich guck einfach oft, wie sich das anfühlt und dann mach ich es einfach. Das ist halt ein privates Andenken, es zeigt mich. Easy.

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Apropos Kind: Im Märtyrer-Trailer sagst du, dass du seit 1989 dabei bist. Da war ich gerade 5 Jahre alt. Viele Fans sind mit dir gewachsen, viele neue kamen mit der Zeit dazu. Fragst du dich manchmal, wie deutscher Rap sein wird, wenn du ein Opi bist?

Ich fänds cool dann noch in irgendeiner Form relevant und interessant für die Leute zu sein. Ich bin sehr gespannt darauf, wie es sein wird und hoffe, dass wir bis dahin eine schöne, runde Rap-Kultur zustande bekommen. Irgendwie kann ich mir auch nicht vorstellen zu alt zum Rappen zu sein. Wie soll das nicht funktionieren? Außer man bekommt das von der Luft vielleicht nicht mehr hin und macht nach zwei Lines schlapp. (lacht)

Das Feature mit Masta Ace hat überrascht. Wo habt ihr den Song produziert?

DJ Smoove hat den Beat produziert. Tajai hat mir seinen Verse schon vor über einen Jahr geschickt. Masta Ace habe ich den Beat geschickt, als er auf Tour war. Er hat es dort aufgenommen und wir haben es dann hier in Bamberg fertig gemacht.

Kennt ihr euch denn persönlich?

Wir haben uns mal auf einer Hip Hop Open kennengelernt und im Rahmen des Features ein paar Mal telefoniert. Er war auf jeden Fall sehr relaxt und gechillt. Alte Garde, halt.

Dein Video zu „Matrix“ erinnert an den Film „Der menschliche Tausendfüssler“. Absicht oder Zufall?

Ich mag den Film! Voll witzig. Trash-Horror-Style. Und als Thema für ein Video hat das auch ganz gut funktioniert. Man könnte denke, dass der Film nicht viel mit dem Song zu hat, aber eigentlich ist die Metapher perfekt: der eine labert was, der andere frisst die Scheiße und kackt den gleichen Unsinn wieder aus. Aber auch: man hängt dem Anderen eher am Arsch, als sein eigenes Ding zu machen.

Auf einer Absurditätsskala von 1-10, wie krank fandest du den Film? Und gibt es noch schlimmere?

Ich find den schon freaky. Der bekommt ne gute 8. Aber ich habe auch schon Filme gesehen, die ich krasser fand. Viel krasser. David Lynch Filme sind z.B. auch augenscheinlich erstmal sehr strange. „Mulholland Drive“ fällt mir da ein und „Melancholie der Engel“ ist eigentlich fast unguckbar, weil der auch noch in einer blutigen Metzel-Orgie endet.

Wo wir gerade beim Thema Freizeit sind: was machst du, wenn du gerade kein Album schreibst, aufnimmst oder präsentierst?

Erstmal natürlich mit meinen Freunden und der Familie Zeit verbringen. Ich gehe sehr gerne essen. Natürlich gucke ich auch gerne Filme, aber ich kenne leider Gottes das meiste schon. Wenn ich wirklich viel Zeit habe, zieh ich mir auch gerne mal ein paar Serien rein. Während der Produktionsphase habe ich mir z.B. die komplette letzte Staffel „Game of Thrones“ und auch die zweite Staffel von „Vikings“ komplett angesehen. Generell bin ich aber auch sehr viel im Internet. Ich bin schon gut süchtig.

Gibt es bei den Serien Favoriten?

Ist schwer, denn ich will keiner Serie unrecht tun. „Breaking Bad“ ist schon außergewöhnlich. Einfach krass, dass eine Serie über einen so langen Zeitraum ein so hohes Niveau halten kann. Da wird es nicht irgendwann irrsinnig wie bei „Lost“, wo ich die 3. Staffel noch super fand, dann aber mit jeder weiteren mega abgeturned wurde. Die 6. und 7. habe ich dann gar nicht mehr gefühlt.
Was ich neben den oben genannten noch geatmet habe, war „Entourage“. Übertrieben geil! Ich hab das zu Tode gefeiert, weil es so herrlich leichte Kost ist, gleichzeitig mega unterhaltsam und dauernd hübsche Mädels mitgespielt haben.

Kool Savas

Du hast gerade gesagt, dass du Internetsüchtig bist. Besonders in den sozialen Netzwerken scheinst du präsenter denn je: facebook, twitter und seit Kurzem sogar instagram. Ist das dein Ding?

Nee, ich kann absolut auch ohne. Wenn mir das heute jemand abstellt, dann habe ich nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt. Meine Internetsucht bezieht sich nicht darauf, mich selbst mitzuteilen, sondern zu erfahren, was die anderen so machen. In Bezug auf Rap natürlich, aber auch andere Sachen wie Autos und so weiter.
Ich nehme das mit Humor. Auch wenn ich zum 20. Mal ein Foto in der Shisha-Bar poste. Das ist mein Lifestyle. Das ist das, was mir Spaß macht. Und wenn die Fans genau so etwas interessiert, dann poste ich das auch gerne. Manche suchen natürlich auch die Provokation, worauf andere direkt anspringen. Aber ich find das überflüssig. Das ist für mich nicht real, nur Quatsch. Ist doch alles eher lustig.

Was hältst du denn von Apps wie Tinder?

Ich kenne Jungs die das gut genutzt haben. Da fällt mir aber auch eine witzige Geschichte ein, die ich noch keinem erzählt habe. Ein gemeinsamer Freund von David und mir hatte sich Lovoo installiert und geguckt, was da so geht.

David: Und da gab es ein Mädel, das bei ihm ein Herzchen, Küsschen oder was auch immer hinterlassen hat. Er hat mir ihre Fotos gezeigt und ich so: du weißt schon, dass das Savas Frau ist? Hat er wohl vorher nicht gepeilt.

Savas: Meine Frau hatte bis vor einem Jahr einen instagram-Account und da hat sich anscheinend einfach irgendein Mädchen ihre Fotos gezogen und sich damit bei Lovoo angemeldet. Soviel zu diesen Apps.
Aber ich kenn auch Jungs, wenn ich offen reden darf, die darüber gefickt haben. Sachen wie Chathouse finde ich da witziger. Allerdings habe ich diese ganzen Apps nie genutzt. Selbst wenn ich Single gewesen wäre… Ich habe gar keine Standard-Fotos von mir. Und selbst wenn ich solche rein gestellt hätte, wäre es mega peinlich gewesen, hätte mich dort jemand entdeckt. Auf der anderen Seite, hätte mir wahrscheinlich eh keiner geglaubt, dass ich es wirklich selbst bin. Ich hätte dann also ein Fakeprofil erstellen müssen, was dann aber gleich doppelt geschummelt gewesen wäre. So oder so also komplett sinnlos. Aber für Menschen, die den schnellen Kick suchen, bestimmt eine nette Angelegenheit.

Bei facebook wurde sich nach der Ice Bucket Challenge zuletzt dafür nominiert, die Top 10 der Alben, die einen am meisten geprägt haben, zu posten. Was ist deine spontane Top 5?

In ungeordneter Reihenfolge sind da auf jeden Fall dabei:
Illmatic – Nas
Chronic – Dr. Dre
93 til Infinity – Souls of Mischief
Fear itself – Casual
Short Dogs in the House – Too Short
Music to Driveby – Compton`s most wanted
Death Certificate – Ice Cube
Bizarre Ride 2 – The Pharcyde

Du bist viel unterwegs, viel draußen. Du magst Deutschland und hast fast schon überall gelebt. Wo fühlst du dich am wohlsten? Wo ist dein Zuhause?

Auf einem Song „Fly away“ habe ich mal etwas gerappt, was ein bisschen pathetisch klingt: „Zerschnitt mein Herz, ließ ein Stück auf jeder Etappe, deswegen bekomm ich es nicht mehr ganz, egal was ich mache.“
Wenn ich irgendwo lang fahre, wo ich mich auskenne, an der Abfahrt nach Paderborn z.B. , dann schmerzt es schon etwas. Wenn ich in Heidelberg war, kam es vor, dass ich mir die Zeit genommen habe, meine alte Gegend noch einmal anzugucken. Ich habe tatsächlich überall, in der gesamten Republik, ein bisschen mein Herz verloren. Wenn du irgendwo lebst, wächst du mit deiner Umgebung zusammen. Ich fühle mich natürlich auch in Berlin zu Hause, aber es ist eben auch eine Stadt, die dich nicht immer mit offenen Armen empfängt, sondern sagst: du musst mich so nehmen wie ich bin. Es kommt auch echt auf meine Laune an. Ich bin halt auch ein kleiner Nostalgiker und auch manchmal melancholisch was das angeht. Deswegen fühle ich mich on the road beim Fahren eigentlich am ehesten zu Hause.

Wo wohnst du jetzt gerade?

In Berlin.

What`s next? Worauf freust du dich noch in diesem Jahr (abgesehen vom Album-Release)? 

Ich freue mich mit meiner Familie zu Weihnachten ein paar Tage in der Nähe vom Spreewald zu verbringen. Außerdem haben wir Silvester wahrscheinlich eine Show. Darauf habe ich auch Bock. Ich würde mich freuen, wenn Schnee fällt und man mit dem Auto durch die Landschaft brettern kann. Das mag ich sehr. Ich mag sowieso den Winter und wenn es richtig, richtig kalt draußen ist.

Vielen Danke für dieses Gespräch!

„Märtyrer“ erscheint am 14.11.2014 und kann u.a. hier vorbestellt werden.

Über den Autor

Sophie Krause Die 29jährige zugezogene Brandenburgerin mit Kodderschnauze und Speckgürtel-Dialekt, arbeitet nicht nur an der Fertigstellung ihres Romans, sondern schreibt auch mit großem Vergnügen über die Liebe an und in der Hauptstadt. Musik, Fashion, Party`s, Art - you name it.

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