„Im Egoland gibt’s die geilsten Burger“: Atzenkalle, Furious und Lucry über „Migration“, Money Boy und ihre geistige Heimat

13.5.2015
wolfenwax
Interviews, Music

Egoland_Cover_1500x1500-001

Egoland – neben einem bemerkenswert sympathischen State of Mind steht dieser Name seit 2012 für handgemachten Hip-Hop aus deutschen Landen: Atzenkalle, der quasi über Nacht das Rap-am-Mittwoch-Game aufgemischt hat, Furious, der Mann der Gruppe und Lucry, der schon für J.Lo vor der Kamera stand, sind seit mittlerweile drei Jahren gemeinsam im Auftrag des Herrn unterwegs, die Whackness aus der deutschen Rapszene auszutreiben.

Mit „Migration“ steh seit diesem Jahr ihr zweites gemeinsames Album in den digitalen wie analogen Plattenregalen und anlässlich dessen traf ich die drei Ur-Berliner sehr spontan an einem Mittwochabend um halb zwölf zu einem sehr angenehmen Plausch in der Bar 11 in Kreuzberg, der von guter Musik, Bier und einer Menge Lachen begleitet war. Was die drei mir so zu erzählen hatten, lest ihr hier!

„Antination“ ist zwei Jahre her: Man hört ja einen klar deutlichen Fortschritt in eurem Sound, vom ersten Album bis heute. Wie würdet ihr diese Veränderung von der erst bunt zusammengewürfelt wirkenden Truppe zu einer von Anfang bis Ende stimmig klingenden Einheit beschreiben?

Atzenkalle: Also ich denke, der große Unterschied, den man jetzt hört, ist der, dass wir beim zweiten Album wirklich vier Wochen lang zusammen gesessen haben, uns unmittelbares Feedback geben konnten, was noch fehlt, was noch rein könnte, dass man eben den ganzen Tag zusammen an den Songs arbeitet. Ich denke, dass man auf jeden Fall hört, dass wir einen homogeneren Sound… 

Furious: …und einen homosexuelleren, auf jeden Fall… 

Atzenkalle: …gefunden haben. Ja, auch das auf jeden Fall ein bisschen, das hört man bei der Aufnahme halt, wenn man ‘nen Schwanz im Arsch hat.

Haut das hin, so dreiecksmäßig? Oder gibt’s dann auch feste Cliquen bei euch? 

Atzenkalle: Also es gibt die Fu-und-Max-Clique, dann gibt’s die Fu-und-Luis-Clique und dann noch die Luis-und-Max-Clique.

Lucry: Ich glaube, dass es bei uns auf jeden Fall eine Dynamik gibt, dass keiner irgendwie ausgeschlossen ist, also selbst wenn einer auf irgendwas Bestimmtes weniger Lust haben sollte, ist auch immer einer da, der den Part einnehmen kann, die gemeinsame Arbeit in der Spur zu halten und sich nicht über Kleinigkeiten zu streiten. Wir haben da so einen sozialen Mechanismus, der das ausgleichen kann.

Furious: Wir sind halt auch drei Psychopathen, aber wir kennen uns einfach richtig gut. Jeder hat mal so seine fünf Minuten, aber die anderen beiden wissen, wie und in welcher Form der jeweilige dann eben seine fünf Minuten hat und wissen, damit umzugehen. Man wirft sich dann einen Blick zu, denkt sich „Ok, lass ihn kurz“, aber dann ist auch wieder alles gut.

Atzenkalle: Man merkt halt jetzt auch langsam, welche Aufgaben man eben selber hat und gut erfüllen kann innerhalb der Gruppe und was man der Gruppe auch abnehmen kann. Wenn man jetzt merkt „Oh, das ist so ein Thema, da hat er oder haben sie jetzt gar keinen Bock drauf“, dann regeln wir das mittlerweile eben einfach und das auch recht unkompliziert. Man hilft sich und hat kein Problem damit, Sachen auf sich zu nehmen und zieht sich gegenseitig damit aus der Scheiße.

Ja, die Chemie stimmt, das hört man auch auf jeden Fall. Wenn ihr euch – leicht polemisch gesehen, natürlich – selbst einordnen müsstet: RapUpdate oder Feuilleton?

Atzenkalle: Ohhh, krasse Frage! Ich denke mal, Feuilleton sind eher die beiden Herren da drüben. [lacht] Ich ordne mich ja selber als RapUpdate-Rapper ein…

Auch als Leser?

Atzenkalle: Leser eigentlich kaum noch, ich komm nicht mehr hinterher einfach auch, bei den ganzen Tweets, wer hat wem was geschrieben und auf die Pinnwand gepostet, da bin ich völlig raus, Alter. Aber ich freu mich immer wenn ich es mal wieder schaffe, irgendwo auf RapUpdate platziert zu sein, mit irgendeiner behinderten Schlagzeile.

Ist ja auch irgendwo eine ganz eigene Art von Fame dann. 

Furious: Also ich finde, RapUpdate kann sich ficken und das Feuilleton kann sich auch ficken.

Lucry: Ich finde, das muss sich nicht mal zwingend ausschließen, also ich lache auch über die eine oder andere RapUpdate-Zeile. Aber ich geh da nie drauf! Bei mir ist das gar nicht so präsent, ich seh das immer nur, wenn RapUpdate irgendwo zitiert wird oder so… [allgemeines, ungläubiges Gelächter]

Atzenkalle: Richtig schlimm war dann, als sie auf einmal noch Fußball-Tweets und was weiß ich über RapUpdate rausgehauen haben…

Lucry: …Ja, es gibt ja FußballUpdate oder sowas…

Atzenkalle: Boaaah, richtig Terror von allen Seiten war das!

Lucry: Wenn man das einzuordnen weiß, dann passt das schon, aber wenn das irgendwie dazu beiträgt, die Rap-Hörerschaft zu asozialisieren, dann ist das scheiße.

Wenn ich das richtig verstanden habe, regelt ihr ja jeden Aspekt eures Business selber – überwiegt da die Freude über künstlerische Freiheit und Autonomie oder gibt’s dann auch Phasen, wo euch alles über den Kopf wächst, zu viel wird und ihr euch Hilfe von außen wünschen würdet?

Furious: Auf keinen Fall! Auf gar keinen Fall würden wir was abgeben, von dem was wir machen. Wir genießen es, im allerwahrsten und echtesten Sinne des Wortes „independent“ zu sein, das ist das schönste Gefühl. Die Arbeit ist zwar dadurch mehr, macht aber auch unglaublich viel Spaß und ist wirklich befriedigend. Ich find’s auch nice, den ganzen Tag zu tun zu haben, wenn man für sich selbst gearbeitet hat und nicht für irgendeinen Chef, den man nicht mag, der ein Produkt verkauft, das man nicht mag. Wir arbeiten für uns – und das ist immer cool.

Lucry: Ich muss auch sagen, dass wir dadurch extrem gewachsen sind, auch künstlerisch, auch als Band. Ich glaube, dass die Entwicklung nicht so schnell gewesen wäre, wenn wir uns um nichts kümmern müssten, sondern irgendwie ein Label hinter uns hätten, das uns unser Studio zahlt etc. Ich glaube, man weiß die Dinge auch nicht so schnell zu schätzen, wenn man nicht selber weiß, wie es ist, jemandem hinterher zu telefonieren, sich selbst um de Videodreh kümmern muss, und so weiter. Ich denke, das sind so Sachen, die am Ende dafür sorgen, dass man sich in den Arm nimmt und sagen kann „Hey, das haben wir gemeinsam begonnen, gemeinsam gemacht und gemeinsam geschafft und jetzt kommt der nächste Schritt.“ Das hat uns vor allem auch künstlerisch eben sehr sehr viel weiter gebracht.

Habt ihr den Schritt zum Berufsmusiker bereits gemacht oder seid ihr alle noch nebenbei beschäftigt?

Atzenkalle: Wir sind Nebenberufsmusiker, würde ich sagen.

Furious: Das war natürlich nach dem ersten Album eine Frage, die und der wir uns stellen mussten. Da war schon durchaus ein schöner Batzen Geld zusammengekommen und wir haben uns die Frage gestellt, ob wir uns das jetzt auf die Seite packen und schön davon leben oder das wieder in unsere Musik stecken. Das war ein Punkt, an dem wir uns entschieden haben, dass es für uns noch nicht an der Zeit ist, uns selber die Taschen vollzuhauen, sondern wichtiger ist, dass die nächsten Videos noch krasser werden, damit der Sound auf’m zweiten Album noch satter wird und insofern haben wir das ganze „Antination“-Geld reinvestiert.

Kommen wir mal zu eurem Namen und eurer ja auch selbsterklärten Heimat, in die ihr ja migriert seid, wenn man dem Titeltrack glauben schenkt. Wie sieht’s aus im Egoland? Was muss man sich darunter vorstellen? Und, als kleiner Zusatz: Wie würde der Werbeslogan des Tourismusverbandes Egoland klingen, mit dem ihr Werbung machen würdet?

Atzenkalle: Also, zum einen gäbe es bei uns schonmal nur einen Burgerladen. Der macht halt dann schon mal einfach geile Burger.

Wahrscheinlich schon die geilsten oder? Weil das Beste ist ja meistens gar nicht so schlecht.

Atzenkalle: Ja, auf jeden Fall, die geilsten Burger. Vegan gibt’s nicht. Vegan steht nicht auf der Karte. Du musst Burger essen, wenn du Burger essen willst. Wenn du was Veganes essen willst, gibt’s ja einen richtig schönen Gemüsestand direkt nebenan! Ist ja gar kein Problem!

…wahrscheinlich mit dem besten veganen Scheiß?

Atzenkalle: Ja, exakt! Da kannst du dir den besten veganen Scheiß ziehen…

Furious: Da kannst du Gemüse kaufen, Nudeln, Reis…

Atzenkalle: …Vegananas…

Furious: Und das Tofu hat nicht die Form von nem scheiß Schnitzel im Egoland, das ist behindert!

Atzenkalle: Und das steht genau so auf den großen Plakaten vom Tourismusverband.

Furious: Genau das ist der Slogan!

Lucry: Der Slogan muss halt eigentlich logischerweise sein „Alle Wege führen nach Egoland“, aber mit Sternchen steht da dann…

FuriousDAS TOFU HAGT NICHT DIE FORM VON EINEM SCHEISS SCHNITZEL!

[Den Egoländern fällt mein Star-Wars-Rebellen-Tattoo am linken Oberarm auf, Props werden ausgetauscht, wir schweifen ab.]

Alle Beats auf eurem Album sind ja von dir, Lucry: Welcher Vibe, welche Soundästhetik ist da dir oder euch besonders wichtig? Was für ein Feeling sollen die Beats vermitteln?

Lucry: Auf jeden Fall organisch. Die Beats wurden auch viel mit Live-Instrumenten aufgenommen, an dem Sound, so wie er jetzt ist, waren eine ganze Menge Live-Musiker beteiligt. Ansonsten ist es mir immer wichtig, dass es klatscht. Ich arbeite halt viel mit meiner MPC und das ist auch der Sound, so wie er sein soll. Es soll boombappig knallen und hiphoppig sein – das Fundament muss reinhauen, aber der Überbau dann gerne schön groß, monumental, musikalisch. Das ist so grob die Richtung, die ich immer zu erreichen versuche und wo die Überlegungen anfangen. Es wird trotzdem viel mit Samples gearbeitet, dass das alles auch schön knistert und seine Ecken und Kanten hat und nicht so weichgespült klingt, das sind so die wichtigsten Punkte.

Furious: Ja Mann, auf jeden Fall. Wir haben auch nie irgendwie Angst davor gehabt, dass jemand sagt „Ihr habt da jetzt zwei gesungene Hooks auf dem Album, das ist doch Pop“, also in Bezug auf die Frage haben wir uns nie irgendwie ins Hemd gemacht und wir haben schon auch trotzdem das Gefühl, dass wir ordentlich hiphoppig sind, auch wenn das der ein oder andere vielleicht nicht so sieht. Schon allein durch die Beats aus der MPC, schon allein, wie unsere Definition von Flow oder nicen Reimen aussieht und so was.

Lucry: Und was uns auch ganz wichtig ist, ist, dass du das Album jetzt hören kannst – und eigentlich alle unsere Releases – und vor fünf Jahren hättest hören können und unabhängig davon sagst „Das ist fett!“ Das Ziel ist es, Musik zu machen, die du eben jetzt, vor fünf Jahren, oder in fünf Jahren hören kannst, ohne dass es fehl am Platz wirkt. Ganz konkret vielleicht mal: Wir haben jetzt zum Beispiel gar keine Trap-Nummern oder ähnliches auf unserem Album. Oder auch verglichen mit der Dipset-Zeit vor zehn Jahren, wo alles gleich klang und alle gleich aussahen aber sich die Artists selbst fünf Jahre später für ihr Auftreten und ihre Musik schämen müssen. Weil diese Sounds sind eben ganz klar an eine Mode gekoppelt, die du immer wieder erklären musst. Im Gegensatz dazu soll unser Sound eben für sich stehen können, ohne dass du irgendwie in der Materie stecken musst und dann einfach sagen kannst „Ja, das ist gute Musik.“

Die Arbeit mit anderen Produzenten kommt also auch für euch beide (Atzenkalle und Furious) gar nicht in Frage?

Atzenkalle: Nee, andere Produzenten sind immer so anstrengend. [lacht]

Furious: Also für mich wäre es eben einfach auch kein Egoland-Song, wenn der Beat nicht von Luis kommt. Ich kann jetzt natürlich nicht versprechen, dass ich bis zu meinem Tod nie wieder auf andere Beats rappe, aber ohne Lucry-Produktion ist es eben nicht Egoland.

Wenn wir da mal kurz einhaken wollen: Wenn ihr als MCs euch einen Produzenten raussuchen könntet, mit dem ihr zusammenarbeiten würdet, wer wäre das? Also quasi der Traumproduzent?

Furious: Also wenn ich Bock hätte auf eine internationale Produzentenlegende, dann wär das DJ Vadim…hab ich aber schon gemacht. [lacht] („Sex oder Selters“, 2012, Anm. d. Verf.)

Lucry: Um da mal kurz einzuhaken, Austauschbarkeit ist bei uns eben auch immer so ein Thema. Das ist ein Faktor, der auch insgesamt bei Egoland eine Rolle spielt, dass da eben sowohl bei den Videos, als auch bei dem Sound, als auch bei dem Artwork oder allem drum und dran, es sind immer die selben Leute und es ist einfach auch nicht austauschbar. Man versucht dann eben schon, die Marke einfach für sich stehen zu lassen und nicht so eine Fließbandproduktion zu haben und sich immer die selben Beatmaker zu holen, die dann auch irgendwie schon auf zehn anderen Alben aus dem Jahr zu hören sind. Wir grenzen uns da auch automatisch ein bisschen ab von dem anderen Zeug.

Furious: Aber hey, mal kurz vom Hundertstel ins Tausendstel: Aber zum Beispiel unsere Videojungs und unsere Artwork-Frau sind auch von Haus aus gar keine Hip-Hopper. Und das fand ich auch immer wirklich wichtig bei deren Arbeit, dass das keine Leute sind, die sich andere Hip-Hop-Produkte ankucken und kucken was da jetzt unsere Version davon wäre, sondern die wirklich frei denken können und deswegen Kunst machen können. Ich denke, das sieht man unserem Artwork und unseren Videos auch an, dass da eben Künstler dahinter stehen und keine Hip-Hopper per se.

egoland2

Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht – das weiß auch „Fick dich obama“.

Man sieht euch beim Video zu „Snoop Dogg“ beispielsweise den Spaß auch wirklich an. Darüber bin ich, um ehrlich zu sein, auch erst auf euch im Kollektiv gekommen…

Furious: Dann hast du dich ja schon ganz schön über uns informiert, wenn du uns erst sein ein paar Wochen kennst…

Atzenkalle: …der macht halt seine Arbeit, Alter! [Lachen]

Wie läuft denn dann bei euch in der Gruppe die Beatfindung so ab? Liegt da die gesamte „Weisungsbefugnis“ bei dir, Luis, oder ist das ein demokratischer Prozess, bei dem jeder Input gibt und geben kann?

Atzenkalle: Das ist ziemlich unterschiedlich, eigentlich. Lucry hat natürlich immer einen Ordner voller Beats, weil er eben täglich Beats baut, während Fu gerne Cuts diggt oder auf Deutschrap-Blogs unterwegs ist und solche Sachen. Das sind dann halt eben so unsere Tätigkeiten und wir können da natürlich auch erst mal reinkucken und sagen, was wir so haben, was wir geil finden und so weiter. Dann können wir eben, nach dieser Recherche, auch sagen „Ja, lass uns mal so ne Nummer machen“ oder man hört sich ein paar Songs an, von denen man dann weiß, dass der eigene Sound in die Richtung gehen soll. Also entweder orientieren wir uns dann an einem Beispiel und versuchen das dann mit unserem eigenen Sound zu mischen oder neu zu erfinden, oder aber auch mal konkret à la „Lasst uns mal das und das hier samplen, oder das und das als Aufhänger nehmen.“

Furious: Auch da sind wir als Band wirklich weiter zusammengewachsen, als es am Anfang war. Viel ist ja fürs neue Album in Marburg entstanden, wo wir uns für paar Wochen eingeschlossen haben und da passiert es eben – dadurch, dass man den ganzen Tag aufeinander hängt – dass wir eben direkt dabei sind, wenn er die Beats macht und eben automatisch Einfluss darauf nehmen. Wenn Lucry nach zehn Minuten einen Loop anmacht und dann fragt, ob wir Bock darauf haben oder was anderes machen wollen, hat er auch direktes Feedback von uns bekommen, ob ja oder nein. Wir saßen ja eben, wie gesagt, ohnehin den ganzen Tag zusammen. Natürlich ist Luis der Produzent, aber es fühlt sich schon so an, dass das eine Gemeinschaftsleistung als Band war. Er ist ja natürlich auch offen für Ideen, kein Beatdiktator.

Atzenkalle: Letztendlich wird ja auch noch einmal nachproduziert, also wenn die Parts stehen und aufgenommen sind, nimmt man hier und da mal die Drums weg, oder Bass raus, oder oder oder. Es wird ja eben alles nochmals arrangiert und da nehmen wir selbstverständlich dann auch Einfluss darauf.

Mittlerweile seid ihr bei zwei Alben in drei Jahren angekommen, was auch nicht jeder Artist oder jede Kombo von sich behaupten kann…

Furious: …und ne EP hatten wir letztes Jahr! Drei Releases in drei Jahren!

Atzenkalle: …und wir könnten viel mehr, aber wir müssen ja nebenbei noch Scheiße machen! [Lachen]

egoland1

Ja, wo geht die Reise denn hin für die Egoländer? Habt ihr – auch ohne euch Druck zu machen – einen gewissen eigenen Anspruch an euren Output oder wollt ihr etwas Substantielles und haut es dann erst raus, wenn‘s dope ist?

Lucry: Also um die Quantität geht es uns sowieso nicht. Es geht nicht darum, jede Woche ein Mixtape rauszuhauen oder so ähnlich. Ich bin jetzt wieder umgezogen, endlich wieder nach Friedrichshain und da wird dann bald auch die Wohnung und das ganze Studio mal wieder stehen. Ich freu mich drauf und ich glaube, es wird geil, mal wieder richtig kreativ zu sein nach Monaten, wo sich alles darum gedreht hat, dieses Album zu veröffentlichen – was ja eben auch viel Kopffick mit sich gebracht hat. Es wird, denke ich, jetzt in den nächsten Wochen und Monaten einfach eine geile Zeit kommen, wo man die aktuellen Sachen live spielen kann und gleichzeitig wieder zu dritt zuhause sitzen und kreativ sein kann. Das ist jetzt die nächste Phase, wo man einfach wieder Futter hat und wenn dann ein paar Gerüste stehen, kann man sich auch fragen, wohin die Reise gehen könnte und was man wie irgendwann rausbringen kann.

Furious: Und ich denke, die Frequenz, in der die Releases kommen, ist dann zweitrangig, aber mir persönlich ist es mittlerweile wichtig, konstant was zu tun zu haben. Dadurch, dass wir eben Band und Label sind, hab ich es wirklich geschafft, wirklich das ganze Jahr etwas zu tun zu haben, das mit Egoland zusammenhängt. Und um ehrlich zu sein, hätte ich Angst davor, wenn das jetzt abreißen würde, weil ich nicht so richtig wüsste, was ich dann machen sollte. [lacht] Insofern ist es mir schon wichtig, dass es immer weiter geht. Ob das nächste Album dann ein Jahr braucht oder drei Jahre, weiß man nicht, aber ich will auf jeden Fall nicht wochenlang nichts machen, das nervt.

Wenn ich fragen darf, was macht ihr drei nebenbei? Neben dem Rapgame?

Atzenkalle: Ganz ehrlich sind wir sogar alle an der gleichen Uni immatrikuliert. Ich studiere das schlimmste, was man sich raussuchen kann, nach Medizin, ich studiere Jura. [lacht] Das hab ich ja auch schon öfter thematisiert. Und die beiden anderen Hombres: Lucry macht seinen Master in Sozialwissenschaften – RICHTIG GANGSTER – und Furious ist Scheinstudent, der ultimate Gangster bei uns. [lacht]

Furious: Ich werde Nicht-Deutsch- und Geschichtslehrer. [alle lachen] Von nichts kommt nichts.

Ich hab mir das Album jetzt in den vergangenen Tagen und Wochen natürlich oft angehört und ich finde man hört, dass eure Lines, eure Anekdoten eben direkt aus dem Leben gegriffen klingen…

Furious: Das hast du doch in der JUICE abgeschrieben! [lacht]

Mist, ertappt! Ja, ich schreibe alles aus der JUICE ab.

Atzenkalle: Aber er hat es schon echt schön gesagt, sie klingen, als wären sie direkt aus dem Leben, aber sie sind es nicht. [Lachen]

Ist eure musikalische Entwicklung, also Attitüde, Skills, welche Dinge und wie man sie verwertet, ist das irgendwie gekoppelt an bestimmte Ereignisse und wenn ja, welche wären das?

Atzenkalle: Also bei mir ist es so, dass ich, bevor ich angefangen habe, Texte im Studio aufzunehmen und auf Platten zu pressen, mich gefragt habe, was ich alles so scheiße finde und was ich alles so gut finde. Dass ich eben wenigstens zwei Pole habe, an denen ich mich orientieren und aufhängen kann…

…was man guten Gewissens haten kann?

Atzenkalle: …genau, was man eben guten Gewissens auch mal niederpöbeln kann, was eben wirklich mal abgeschafft gehört, sag ich mal. Beim Album Schreiben selber sind diese Sachen dann eher im Hinterkopf, also ich hab keine Liste, wo ich dann checke „Ach, das hab ich jetzt noch nicht oder schon lange nicht mehr gedisst.“ Aber das Mindset, das sollte ungefähr transportiert werden, auf der einen Seite was ich geil finde, was mein Film ist und andererseits was gerne auch gehatet oder gedisst werden kann, was draußen bleiben soll.

[In der Bar11 in Kreuzberg, in der das Interview stattfand, läuft extrem gute Musik. Ein Gespräch über MF DOOM entbrennt.]

Ich habe gesehen, dass Money Boy ja mit euch „fiqued“…

Furious: Ja Mann, der Boy fiqued mit Egoland! [Lachen]

Money Boy polarisiert ja ungemein, es gibt ja keinen, der keine Meinung zum Boy hat: Auf der einen Seite die Fans, die den #schwinag am haven sind und auf der anderen Seite die, die sich nur noch fragen, was das soll. Wie sieht das bei euch aus?

Lucry: True Love! 100 Prozent, ohne Einschränkungen. Das ist ja auch so ‘ne Sache: Wir waren ja wirklich die Ersten, die allerersten, die ihn wirklich kompromisslos gefeiert haben.

Furious: Und eben öffentlich, nicht hinter vorgehaltener Hand. Wir waren die ersten aus der deutschen Szene, die in Interviews gesagt haben, „Money Boy ist der Krasseste.“

Lucry: Genau, das sagen wir schon seit Anfang 2013, schaut gerne nach! Und das auch nicht oder nie irgendwie von oben herab, sondern wir haben das gefeiert, vor allem auch, wie er das so durchzieht. Dieses kompromisslose, wie lange er das schon durchzieht und sich durch nichts und niemanden aus seiner Rolle werfen oder von der öffentlichen Meinung erziehen lässt. Er macht sein Ding und die Leute müssen Stück für Stück sehen, dass das alles auch seine Berechtigung hat. Da gibt es auch massig musikalische Faktoren, dass er sich eben mies mit dem ganzen Amizeug auseinandersetzt. Es gibt Rapper, die das mal zwischenzeitlich übernehmen, weil es gerade angesagt ist oder war und das dann eben deswegen gemacht haben. Ich finde, er macht das am allerauthentischsten und ich kaufe ihm das auch ab, dass er wirklich jedes scheiß Mixtape von Gucci Mane, die ja fast im Tagesrhythmus kommen, pumpt und feiert. Ich kauf ihm das ab.

Furious: Und hey, selbst, wenn er alle paar Monate mal ne Backpfeife kassiert, ändert er nichts an seinem Stil.

Echte Hingabe an die Rolle eben.

Atzenkalle: Klar, am Anfang hatte er diesen Hit mit „Dreh den Swag auf“, aber dann zwei, drei Jahre lang nur Hate kassiert…

Furious: …und er hat nicht aufgehört!

Atzenkalle: …genau, er hat nicht aufgehört! Er ist seinem Stil treu geblieben und jetzt mal Diplomarbeit hin oder her, von wegen alles Plan und Masche, das sind für mich erstmal Eier. Der Typ hat für mich einfach Eier hoch zehn. Und dann auch noch in einem Interview mit einem Falk Schacht sitzen und ganz normal darüber reden, was er so macht. Er verliert einfach nie seine Rolle, auch wenn Leute versuchen, ihn aus der Reserve zu locken, er sei doch einfach nur eine Kunstfigur und so weiter.

Furious: Und selbst ganz am Anfang war er nicht so schlecht, wie alle immer getan haben. Alle haben immer so getan, als wär er der schlechteste Rapper aller Zeiten und das ist einfach Quatsch. Auf seinem ersten Album ist z.B. schon „Cock Die Bitch Weg“ drauf und das ist so ein Hit! Und das sind so geile Verses! [Allgemeines Kichern in Verbindung mit zustimmendem Nicken] Auf „Cock Die Bitch Weg“ reimt er zum Beispiel: „Wenn ich sage, dass du jetzt von mir ne Latte kriegst, dann red‘ ich nicht von braunen Getränken oder von Zaunelementen“ Das ist doch perfekt! Wie viele Rapper können das? Das kann nicht jeder! Der war auch damals noch nie so schlecht, wie ihn alle gemacht haben.

Wenn wir gerade dabei sind: Feature-Anfrage von Money Boy kommt – eure Antwort?

Furious: Wir sind ja mit dem Boy in Kontakt. Er hat ja unser Snippet gehostet, wenn er in Berlin auftritt, stehen wir natürlich auf der Gästeliste, wenn wir auftreten, steht die Glo Up Dinero Gang auf der Gästeliste, also wir stehen in Kontakt.

Das freut mich als Hörer von beiden Acts natürlich sehr zu hören!

Furious: Zieh dir unser Snippet rein auf YouTube, der Boy hat’s gehostet! Wir sind auf jeden Fall down mit dem Boy und der Boy ist down mit uns.

„Scurr“ kann man da nur sagen, auf jeden Fall. Wenn ihr euer Album selbst mit einem Satz beschreiben müsstet, wie würde der Satz lauten? Da hätte ich gerne eine Antwort von jedem von euch. 

Atzenkalle: Fuck, Alter…das ist der Satz!

Furious: Also ich würde sagen, „Migration“ hat alles, was ein gutes Rap-Album braucht.

Atzenkalle: Ich kann immer nicht so viel zu den Alben sagen, außer, dass wir uns halt richtig Mühe gegeben haben.

Naja, aber das Gefühl, dass einem niemand sagen kann „Bitte gib dir mehr Mühe“ ist doch auch was Schönes, was man aus so einem Kreativprozess mitnehmen kann.

Atzenkalle: Auf jeden Fall, solange du es selber fühlst, ist ja alles cool. Luis, hast du noch einen freshen Satz?

Lucry: „Migration“ ist das beste Album 2015.

Atzenkalle: Sheesh! Krass.

Furious: Boom!

egoland-plakat

Und zum krönenden Abschluss eine Frage, bei der ich mich zugegebenermaßen bei Jan Böhmermann bedient habe, aber die ich bei deutschen Rappern definitiv einfach passend finde. Sido hat sie im Neo Magazin Royale auch schon abbekommen: Würdet ihr eher eure Frau schlagen, um euer neues Album zu promoten oder euer gesamtes Vermögen einer mafiösen, arabischen Großfamilie überschreiben?

Atzenkalle: Woaaaah, du Penner! Ich hab auch mit Sido mitgefühlt an der Stelle und ich wusste auch genau, er wird die Frau schlagen, weil Geld ist halt einfach besser. [lacht] Und manche Frauen stehen ja auch drauf! Also kann man sagen, dass das wohl noch die kompatiblere Variante ist.

Furious: Geht’s dabei jetzt um mein aktuelles Vermögen oder auch um künftige Einnahmen? [allgemeines Lachen]

Ne, ne, schon Generalvollmacht und so. Wie das bei Berliner Rappern ja zum guten Ton gehört. Scheinbar.

Furious: Na dann auf jeden Fall Frau schlagen. Das Geld, was ich jetzt habe, können sie sofort haben, aber das, was da in Zukunft noch dazu kommen würde, würde ich gern behalten.

Atzenkalle: Er hofft noch! [lacht]

Lucry: Ist ja quasi eine doppelt hypothetische Frage. Ich kann nur im Jetzt drauf antworten und jetzt würde ich mein Geld abtreten, auf jeden Fall.

Atzenkalle: Da sieht man mal wieder, wer bei Egoland ‘ne Frau hat und wer nicht. [alle lachen]

Lucry: Ich finde Frauen schlagen schon echt einfach doof…

Atzenkalle: Ist ja auch kacke, aber du hast ja keine Wahl!

Furious: Muss ja auch nicht so doll sein.

 

Wunderbare Worte von Furious zum Abschluss eines sehr, sehr schönen Abends und Interviews. Ich hatte eine richtig gute Zeit und bedanke mich an dieser Stelle noch mal bei Luis, Max und Paul für die Ihre! Gönnt euch „Migration“, in meinen Augen eines der stabilsten Releases 2015!

 

 

 

 

 

Über den Autor

wolfenwax

Send this to a friend