Bahn fahren mit Tom Klose // Ein Interview im Zug

13.10.2015
Sophie Krause
Interviews, Music

Die Zeit im Zug kann man auf vielerlei Arten verbringen. Serien gucken, Musik hören, arbeiten. Oder ein Interview führen. So geschehen mit Singer/Songwriter Tom Klose im Rahmen der Diese Zeit gehört dir. – Kampagne der Deutschen Bahn.

Foto

Diese erste Frage bekommt von mir jeder in einem Interview gestellt: was hast du heute schon gegessen?

Du bist was du isst, quasi? Bisher, ehrlich gesagt, nur ein Schokocroissant, das ich mir heute Morgen am Hamburger Bahnhof gekauft habe. Ich hatte heute aber auch gefühlt nicht viel Zeit zum Essen.

Wie würde denn ein ausgiebiges Frühstück bei dir aussehen?

Ich würde mir Eier mit Tomaten und Fetakäse machen. Dazu ein Toast und eine Milch. Und manchmal gönne ich mir dann auch so etwas fancy-ges wie Lachs.

Wir sitzen uns gerade in einem Zugabteil gegenüber. Wie sieht es normalerweise aus, wenn du reist?

Meistens bin ich alleine unterwegs, wenn ich z.B. zu Solokonzerten fahre. Dann habe ich wirklich nur das Nötigste dabei. Das Equipment, das ich bei den Auftritten benutze, ist auch deswegen so beschränkt, weil ich keine Lust habe, so viel mit mir rum zu schleppen. Ich habe einen kleinen Koffer, für meine Effekte und die Gitarre. Und manchmal habe ich auch noch einen Computer dabei und daddel dann irgendwelche Spiele. Oder ich höre Musik übers Handy.

Was war dein letztes Reiseziel?

Ich war erst neulich auf Gran Canaria, natürlich nicht mit dem Zug. (lacht) Aber von dort bin ich tatsächlich letzte Woche erst wieder gekommen, um beim Reeperbahn Festival zu spielen. Und die letzte Zugfahrt davor war zu einem Auftritt in Kiel.

Inwiefern schaffen es solche Reisen wie nach Spanien in deine Songtexte?

Also Gran Canaria jetzt nicht, da das mehr ein Touriurlaub mit der Familie war. Da hatte ich auch gar keine Zeit mich kreativ zu entfalten. Es ist dann eher so, dass ich die Zeit nutze, und das auch schon während der Anreise, um in mich zu gehen. Wenn es Reisen in die Songs schaffen, dann haben diese meistens noch gar nicht statt gefunden. Dann geht es mehr um den Wunsch und den Traum danach. Auf dem Album („From Weeds to Woods“) sind einige Songs dabei, in denen es genau darum geht. Aber auch um Wünsche und Träume im Allgemeinen. Ich habe ganz lange davon geträumt, die Richtige zu finden und ich habe lange davon geträumt, in die Welt hinaus zu reisen. Einen von den beiden Träumen habe ich mir schon erfüllt. Der andere folgt dann nächstes Jahr, wenn wir zusammen auf Reisen gehen.

Wo genau soll es denn hingehen?

Ich möchte einfach losziehen und meine Musik in die Welt hinaus bringen. Nicht auf digitalem Weg, sondern durch mich und meine Gitarre. Ich könnte jetzt auch gar kein konkretes Ziel nennen, wie New York oder San Fransisco, sondern es geht einfach darum, raus zu gehen und sich mit sich selbst zu beschäftigen. So, wie es auch viele andere Menschen machen, die wissen, dass dort, wo sie sich am meisten aufhalten, nicht der Ort ist, wo sie zu sich selbst finden und zu den Antworten, die sie suchen. Das Ziel kenne ich also nicht. Ich weiß nur, dass es dort draußen liegt und nicht hier drinnen.

Ihr werdet dann also einfach eure Rucksäcke satteln, euch an den nächsten Bahnhof stellen und gucken, wo der Wind euch hinträgt?

Ungefähr. Ich hatte erstmal an Interrail gedacht. Und ich will gucken, dass ich mich immer näher an das heran taste, von dem ich glaube, dass ich das machen will. Ich habe viele Vorbilder, die etwas ähnliches gemacht haben. Passenger war z.B. einer, der jahrelang nur mit der Gitarre durch die Welt gereist ist und Straßenmusik gemacht hat. Das würde ich gerne im Kleinen machen, da ich nicht genug Mut habe sonst wohin zu gehen. Ich würde mich erstmal in Europa auf die Suche machen.

Wie sieht der Entstehungsprozess beim Songwriting aus? Wie kommt es von einer ersten Idee zu einem fertigen Song?

Ich sammle erst einmal sehr viele Ideen. Auf der Gitarre habe ich dann Meldien oder Akkordfolgen die ich mit dem Handy aufnehme. Auf der anderen Seite gibt es viele Textschnipsel die ich, wenn ich unterwegs bin, auch in mein Handy tippe. Wenn ich dann zu Hause bin und meine Ruhe habe, findet beides zusammen. Ich habe da eine ganz schöne Metapher: du hast zwei Hälften von einem Stein – Text und Gitarrenmelodie. Kommen die zusammen, bilden sie das Songegrüst. Alles was danach passiert, ist schleifen. Das passiert zum einen beim Live spielen. Im Proberaum beim Arrangieren mit der Band wird er auch geschliffen. Und dann natürlich final, wenn er im Studio aufgenommen wird, wenn es an das Mastering geht. Das sind natürlich auch Prozesse die den Song an das Fertigwerden heran bringen. Dabei ist so ein Song eigentlich niemals richtig fertig, er wird immer nur weiter geschliffen.

So lange, bis ein Diamant aus ihm geworden ist.

Genau. Aber deswegen sage ich das, weil das Wichtigste im stillen Kämmerlein passiert. Eine Band ist nur so gut, wie ihre Songs. Und um gute Songs schreiben zu können braucht man Skills. Die Skills erfordern Arbeit. Arbeit erfordert Ehrgeiz und dieser wiederum erfordert Liebe und Hingebung.

Schon mal in der Bahn einen Song geschrieben?

Bestimmt. Ich könnte zwar keinen konkret benennen, aber das wird sicher passiert sein, weil ich immer genau dann schreibe, wenn ich inspiriert bin. Mich hat zwar noch nie eine Bahnfahrt an sich inspiriert, aber es ist ja nun mal so, dass eine Bahnfahrt, so ähnlich wie wenn ich in einer Vorleseung sitze, einen dazu bringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich selbst zu reflektieren. Da ich das sehr gerne mache, kommen mir Bahnfahrten immer gar nicht so lange vor. Ich langweile mich nicht, sondern frage mich, wie es mir geht. Und aus dieser Frage entstehen auch die meisten Songs: was passiert eigentlich gerade in meinem Leben?

Hat ja auch etwas meditatives, wenn die Landschaft draußen so schnell an einem vorbei zieht.

Ja, oft ist es auch so, dass ich denke, schade, die Fahrt ist schon vorbei? Ich hätte jetzt noch etwas mehr Zeit brauchen können, um den Schreibprozess nicht abbrechen zu müssen, weil ich aussteigen muss.

SAMSUNG CSC

Wie bist du zur Musik gekommen?

Früher wusste ich oft nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Dann habe ich die Gitarre meines Vaters gegriffen und dachte, ach, dann lerne ich eben das. Ich habe mir die ersten Akkorde beigebracht und irgendwann meine erste Punkband gegründet. Also ganz ungezwungen und unbefangen. Und dann ist das Alles irgendwann zur Leidenschaft geworden und glücklicherweise, seit Kurzem, auch zum Beruf.

In deiner Bio gibt es einen ganz witzigen Hinweis, nämlich dass du deinen Verstärker auf dem Weg nach Australien nicht mit an Bord nehmen konntest und deswegen die Liebe zur Akustikgitarre entdeckt hast. War das wirklich so? Und fiel es leicht, sich vom Punk zu verabschieden?

Es war ja eigentlich kein Abschied von der Punkmusik, sondern eine Weiterentwicklung. Der Grund warum ich in Australien zur Songwritermusik gefunden und in Hamburg zum Songwriter geworden bin, ist im Endeeffekt der selbe. Mir wurde der Zugang zu meiner Band entzogen, ich hatte einfach niemanden mehr, mit dem ich hätte zusammen spielen können. Und ich habe gemerkt, dass diese ruhige Musik von Typen, die einfach alleine mit ihrer Gitarre los ziehen, total faszinierend und inspirierend auf mich wirkt. Ich mochte auch schon immer total diese Unabhängigkeit und dieses slow-move-Ding. Am Ende bin ich sehr dankbar dafür, dass ich damals nur die Akustikgitarre dabei hatte. Denn ich hatte viel Zeit mich damit zu beschäftigen, was ich eigentlich für ein Musiker bin. Als ich dann wieder kam war alles anders. Wir haben keinen Punk mehr gemacht, sondern melodischen Rock. Wenig später kam dann auch damit der Bruch und mit ihm eine neue Band, die die Musik gemacht hat, die mir auch noch bis heute am meisten gefällt.

Was hörst du selbst denn für Musik? Ist der Punkrock immer noch in deinem Herzen?

Bon Iver mag ich sehr. Aber ich habe auch erst vor Kurzem meine Punkrockzeit aufgearbeitet und gemerkt, dass diese Musik immer noch den selben Effekt auf mich hat wie früher. Wenn ich heute einen geilen Punk- oder Rocksong laut über Kopfhörer höre, dann ergreift mich das immer noch. Und das ist auch genau das, was ich mit meiner eigenen Musik erreichen möchte. Da gibt es ja auch nicht nur ruhige Töne.
Ansonsten ist Coldplay sehr wichtig für mich. Mumford and Sons seit dem letzten Album leider dafür weniger. Jetzt gerade bin auch auf einem Soul-Trip. Da mag ich z.B. James Blake oder Hozier.

Du spielst im September & Oktober noch ein paar Live-Shows. Sind dir Akustik oder verstärkte Gigs lieber?

Tatsächlich verstärkt. Wobei ich verstehe, dass das viele Menschen als einen Gegensatz wahrnehmen, dass ich auf akustische Instrumente stehe, aber auf der anderen Seite lieber verstärkt spiele. Aber leider hört man die ganzen, schönen Eigenschaften von einer Akustikgitarre nicht wenn ich unplugged spiele, weil sich die Leute unterhalten oder die Geräuschkulisse einfach etwas lauter ist. Deswegen mag ich es am liebsten, mit akustischen Instrumenten laut und aufgedreht zu spielen. Damit man auch wirklich jedes kleinste Schmatzen und jeden Zupfer an der Gitarrenseite hört.

Dein Album „From Weeds To Woods“ erschien im April. Wie lange hast du daran gearbeitet?

Genau genommen habe ich zehn Jahre daran gearbeitet, weil die ältesten Songs sechs Jahre zurück liegen und ich seit 10 Jahren Musik mache. Aber im Endeffekt haben sich der Produzent und ich zehn Wochen im Studio eingeschlossen und an den Songs so lange rum getüdelt, bis alles so war, wie ich es mir vorgestellt habe.

Das heißt, die Songs, die du vor sechs Jahren geschrieben hast, gefallen dir auch immer noch?

Die meisten nicht. Aber die wenigen, ich glaube so ein, zwei, die es aufs Album geschafft haben, die gefallen mir immer noch sehr. Das war für mich auch ein Kriterium, ob ich immer noch Bock habe, die Songs live zu spielen.

Was kommt als nächstes? Worauf freust du dich?

Ich freue mich aufs Reisen nächstes Jahr, jetzt wo mein Studium geschafft ist. Gerade sind wir viel im Proberaum und ich freue mich besonders auf neue Songs. Denn je besser die sind, desto besser wird auch die neue Platte, die wir wohl auch recht bald aufnehmen werden. Wobei es dieses Mal eher eine EP als ein Album wird.

Hier noch ein paar Livedates von Tom Klose:

12.11.   Wagenhallen   (Stuttgart)
20.11.   Wunschlos Gluecklich   (Wuerzburg)
11.12.   Noch Besser Leben   (Leipzig)

Dieser Beitrag entstand in Unterstützung mit der Deutschen Bahn.

Über den Autor

Sophie Krause Die 29jährige zugezogene Brandenburgerin mit Kodderschnauze und Speckgürtel-Dialekt, arbeitet nicht nur an der Fertigstellung ihres Romans, sondern schreibt auch mit großem Vergnügen über die Liebe an und in der Hauptstadt. Musik, Fashion, Party`s, Art - you name it.

Send this to a friend