Adesse im Interview übers Kicken, Weinen & Rumkumpeln

21.3.2016
Sophie Krause
Interviews, Music, Video

In wenigen Tagen, am 25. März, erscheint das Debütalbum „Fechnerstraße“ von Adesse und schafft es damit rechtzeitig zum Osterfest in die deutschen Plattenregale. Oder sollten wir lieber sagen: in die deutschen Osternester? Denn wenn wir euch einen Tipp geben dürfen, diese Platte eignet sich ganz hervorragend als Präsent zum Verstecken – für die beste Freundin, den Liebsten, Mama, Bruder oder Oma. Denn die Musik von Adesse ist etwas für jeden, versprochen!

Ich habe mich mit ihm in Berlin getroffen und übers Kochen, Kicken und Rumkumpeln unterhalten.

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Als erstes die Frage, die ich immer stelle: was hast du heute schon gegessen?

Ich habe heute zum Mittag etwas gegessen, was ich sonst eigentlich nie esse. Rinderbrühe mit Maultaschen nämlich. Sonst gibt es bei mir eigentlich am meisten italienisch, ich bin ein großer Fan der italienischen Küche.

Kannst du selbst auch ein bisschen kochen?

Eher nicht so. Ich lade mir aber gerne Kumpels, die das gut können, zu Kochabenden ein. Das machen wir recht oft und die Jungs versuchen mir bei der Gelegenheit auch gleich ein bisschen was beizubringen.

Du bist bei Sidos Label „Goldzweig“ unter Vertrag. Wer von euch beiden hat denn wen entdeckt?

Sido mich natürlich. (lacht) Ein guter Kumpel von ihm, Moussa, hat etwas von mir auf Youtube gesehen, Siggi war gerade in der Nähe und wollte sofort wissen, wer das ist. Dann sind sie mit mir in Kontakt getreten. Mein Management hat dann letztendlich das erste Treffen organisiert. Er meinte, dass Siggi mich gerne beim Kendrick Lamar Konzert treffen würde. Backstage haben wir uns dann das erste Mal unterhalten, was gegessen, uns kennengelernt. Das war der Startschuss für alles Weitere. Danach haben wir haben ein Gefühl füreinander bekommen, zusammen auch an anderer Mucke gearbeitet und uns, denke ich, gegenseitig recht lange beobachtet. (lacht) Die Entwicklung zu einem gewissen Vertrauensverhältnis kam ganz natürlich. Als ich nach der EP dann relativ viele Angebot hatte, war für mich aber schnell klar, dass ich mich für die Konstellation mit Sido entscheide.

Deine Musik ist sehr popig, hast du keine Angst, dass du beim Rap-Oldie Sido vielleicht nicht richtig aufgehoben ist?

Glaube ich nicht, nein. Ich glaube auch nicht, dass seine Fans meine Musik mögen müssen. Es ist klar, dass es da sicher eine gewisse Diskrepanz gibt. Mir geht es in dieser Partnerschaft viel mehr darum, dass er mir eine Art Mentor ist, ich auf dem Weg viel von ihm lernen kann und er mich besonders in der Anfangszeit vor Fehlern bewahren kann, die er selbst vielleicht irgendwann mal gemacht hat. Und sein Name gibt mir natürlich auch eine gewisse Plattform. Aber Angst, dass er seine Rolle mir gegenüber nicht bedienen kann, habe ich gar nicht. Was viele nicht wissen, Sido ist wirklich musikalisch. Klar, ist seine Spezialität Hip Hop. Aber er hat auch Ahnung von anderer Musik. Von Chords und Takten. Er ist da wirklich sehr drin und beschäftigt sich eben auch rund um die Uhr mit verschiedenster Mucke.

Wie bist du denn selbst im Rap verankert?

Ich höre alles! Elektronische Sache, ich höre viel Hip Hop – deutschen, englischen. Ich bin allem gegenüber offen, neuen Sachen wie Bon Iver oder Drake, alten Sache wie Michael Jackson. Auch aktuell noch. Das ist für mich krass zeitlos und ich bin ein großer Fan. Und klar, in der Jugend ist die Aggro Zeit natürlich auch nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Aber ich als heutiger Künstler habe da eigentlich wenig Zugang. Ich habe nie selbst gerappt, nie ernstzunehmenden Hip Hop gemacht. Als Spaß vielleicht mal, aber nicht so, dass es gut war oder ich dahinter gestanden hätte.

Er bildet auf deinem ersten Album das einzige Feature. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja. Es gab noch ein paar andere Ideen. Aber am Ende muss ich sagen, dass es so am meisten Eier hatte. Das ist die erste Platte, das bin ich und mein einziges Feature ist mein Labelchef und Partner. Ich fand das cool so.

Der Song, in dem er dich begleitet, heißt „Männer weinen nicht“. Darin gibst du zu, manchmal aber eben doch ein paar Tränen zu lassen. Weißt du noch, wann du zuletzt geweint hast?

Letztes Jahr. Verschiedene Dinge sind da passiert. Es war eine Mischung aus melancholischem Zurückblicken und Trauer darüber, dass es vorbei ist. Ich habe die Gefühle dann einfach zugelassen. Als ich geweint habe, war ich alleine, was glaube ich, wichtig war, denn man will ja stark sein als Mann. Das thematisiert auch der Song.
Ach, warte! Jetzt hätte ich fast noch etwas vergessen! Ich habe vor Kurzem auf der Hochzeit eines meiner besten Freunde eine Rede gehalten. Die Situation, hat mich einfach so krass gerührt, da sind mir auch kurz die Tränen gekommen. Das war tatsächlich das letzte Mal, dass ich geweint habe.

Die Rede hast du ja sicherlich selbst geschrieben. Ich frage mich nämlich oft, ob Menschen, die viel schreiben, auch viel lesen.

Auf jeden Fall, das hat aber in letzter Zeit leider etwas abgenommen. Gerade lese ich Shantaram (von Gregory David Roberts, Anm. d. Red.). Es geht um einen Typen, der in Neuseeland aus dem Knast ausbricht, nach Indien flieht und dort ums Überleben kämpft.
Wenn mich etwas interessiert, lese ich auch mal ein Sachbuch. Meistens passiert das sowieso auf Empfehlung hin. ich habe z.B. auch ein bisschen was von Paulo Coehlo gelesen.

Aber gibt es denn einen Lieblingsautoren? Oder das Lieblingsbuch?

Ich glaube, dass Shantaram mein neues Lieblingsbuch werden könnte. Es gibt aber noch ein recht altes Buch von Hans-Jürgen Massaquoi, das in der Nazizeit spielt und von einem jugendlichen Afrodeutschen, mit Vater aus Togo und deutscher Mutter, handelt. Das Buch heißt „Neger, Neger, Schornsteigfeger“ und beschreibt, wie der Junge in Hamburg aufwächst und wie es für ihn in dieser Zeit war. Das Buch wurde auch verfilmt, die Story ist auch einfach zu krass. Meine Mama hat mir daraus früher vorgelesen, bis ich selbst gut lesen konnte.

Du warst in letzter Zeit viel unterwegs. Zum Videodreh auf Gran Canaria, für ein paar Promotage in Zürich, privat in Amsterdam. Bedeutet das für dich „Chaos“?

Nee, ich genieß das eigentlich voll. Ich bin auf der einen Seite ein sehr ruhiger Typ, auf der anderen, aber auch sehr rastlos. Im Studio muss ich immer an irgendetwas fummeln, ich bin ziemlich ungeduldig. Deswegen ist das Reisen so geil, weil man immer wieder etwas Neues sieht, neue Menschen trifft. In Amsterdam habe ich mich z.B. voll in die Architektur verliebt und gedacht, wie schön ist es hier und wie geil seid ihr alle angezogen! Es erweitert einfach so krass den Horizont, deswegen freue ich mich immer, wenn ich irgendwo hinkomme, wo ich noch nicht war.

Gran Canaria war auch so geil. Über hässliche Bauten, aber wenn du dann in die Natur gekommen bist, so schön! Wir haben da auch wirklich hart gearbeitet, aber trotzdem, dieser Blick den wir hatten, als wir die Serpentinen am Berg hoch sind, da habe ich mich schon manchmal gefragt, ob das gerade wirklich wahr ist. In solchen Momente verschmelzen deine Traumvorstellungen mit der Realität. Und das ist ein echt geiles Gefühl.

Klingt nicht nach „Chaos“…

Das gibt es aber trotzdem, weil einfach so viel Neues auf mich einprasselt. Man muss Entscheidungen treffen, harte Entscheidungen zum Teil auch. In meinem Kopf ist es ganz schön chaotisch. Ich schlafe auch kürzer, als sonst. Das mag auch am baldigen Release liegen. Ich wache morgens einfach früher auf, obwohl ich den Abend zuvor vielleicht sogar feiern war, aber ich komm dann einfach nicht mehr in den Schlaf.

In „Ich bleibe“ zeigst du dich mutig eine Beziehung einzugehen. Wo willst du generell im Leben hin, wo willst du bleiben?

Ich wünsche mir, dass ich immer Mucke machen kann. Das wäre mein großer Wunsch. Und das die anderen Menschen etwas bedeutet, das es etwas mit ihnen macht, das ist meine größte Bestätigung.

Berlin wird immer meine Heimat sein. Es kann natürlich sein, dass ich mal ein paar Monate im Jahr woanders bin, weil ich so neugierig bin. Letztendlich ist das alles aber auch schwer zu sagen, denn ich bin ja gerade in der glücklichsten Zeit meines Lebens. Ich weiß schon, dass es immer auch Up`s and Down`s gibt, aber gerade genieße ich es einfach wie es ist und hoffe, dass auch die Zukunft viel Zeit bietet, in der es mir so geht wie jetzt.

In deinen Texten dreht sich viel um`s Thema Liebe. Bist du beim Thema „bleiben“ auch jemand, der heiraten und Kinder bekommen möchte? Bist du ein Familienmensch?

Auf jeden Fall. Ich wünsch mir das. Es muss natürlich der richtige Partner sein. Aber wenn ich das Gefühl habe, das ist es, dann würde ich das auch, nicht über die Musik natürlich, aber über alles andere stellen. Muss ein unglaublich tolles Gefühl sein, seine eigene Familie zu haben. Jemanden zu haben, mit dem man wachsen kann. Dem du zu 100 Prozent vertraust und man sich gegenseitig aufbaut. Ich finde das eine schöne Idee vom Leben. Und bin da, glaube ich, auch ganz gut dran. (lacht)

Du spielst Klavier? Hast du Parts auf deinem Album selbst eingespielt?

Also es reicht zum Komponieren und das ich mich ein bisschen begleiten kann. In der Vorproduktion habe ich einiges eingespielt, das war aber zum Teil nicht gut genug und wurde dann noch ausgetauscht. (lacht) Und wenn ich jetzt selbst komponiere, dann gibt es meistens immer erst die Melodie und erst dann kommt der Text. Was für ein Gefühl überträgt die Melodie, in welcher Mood bin ich gerade, was beschäftigt mich. Dann erzähle ich natürlich etwas aus meinem Leben, etwas das dazu passt.

Adesse Promo CD Cover by Robert Wunsch

Du hättest auch Profifußballer werden können?

Das weiß man immer nicht. Wir haben halt viel und gut gezockt. Aus unserem Jahrgang haben es auch einige geschafft, aber ich habe dann damals schon mit 16 die Entscheidung gegen den Fußball und für die Musik getroffen. Obwohl es bei der Musik noch gar keine großen Aussichten gab. Ich habe das ja rein Hobbymäßig gemacht. Aber es war eine Entscheidung aus dem Herzen. Ich wusste, das gibt mir etwas, das will ich machen.

Ist Fußball trotzdem immer noch dein Ding, dein Sport?

Mein Mainsport auf jeden Fall. Ich mag Ballsportarten eigentlich generell. Basketball z.B.,, aber wenn es mal um eine Runde Tennis geht, dann bin ich auch am Start. Ich bin nicht der klassische Fitnesstudiogänger, sondern trainiere lieber in kleineren Trainingsgruppen wie z.B. von adidas, wo du viel mit dem eigenen Körpergewicht arbeitest. Zum Fußball treffen wir uns immer noch einmal pro Woche. Jeden Donnerstag, in einer Halle die uns von adidas zur Verfügung gestellt wird. In letzter Zeit schaffe ich es leider nicht mehr so oft, versuche aber, dran zu bleiben. Das ist halt auch so ein Kumpelding.

Wie wird der Tag bei dir aussehen, an dem dein Album in den Läden steht? 

Wahrscheinlich ziemlich verkatert. Denn wie es aussieht werden wir am 24.03. wohl eine Release-Party machen. Das wird krass, glaube ich. Da wird noch einmal begossen und gefeiert, dass man jetzt diese Platte draußen hat. Das man es jetzt los lassen muss, egal, wohin die Reise geht.

Und dann gehe ich am nächsten Tag bestimmt irgendwo in den Plattenladen und kaufe mir an die fünf Alben.

Was steht, abgesehen von Tour und Release, in naher Zukunft an? Worauf freust du dich?

Ich könnte jetzt gar kein Event nennen, aber in meiner Freizeit freue ich mich einfach darauf, mit meinen engsten Leuten zusammen zu essen. Das ist eine Sache, die ich sehr feier, die mir sehr wichtig geworden ist. Mit den Menschen, die man liebt, Zeit zu verbringen, was Geiles zu essen und gute Gespräche zu führen. Darauf freue ich mich, neben allen Musikthemen, am meisten.

Adesse live:

06.05.2016 – München – AMPERE
07.05.2016 – Stuttgart – SCHRÄGLAGE
08.05.2016 – Frankfurt – ZOOM
11.05.2016 – Köln – YUCA
12.05.2016 – Leipzig – TÄUBCHENTHAL
13.05.2016 – Hamburg – ÜBEL & GEFÄHRLICH
18.05.2016 – Berlin – PRIVATCLUB

Über den Autor

Sophie Krause Die 29jährige zugezogene Brandenburgerin mit Kodderschnauze und Speckgürtel-Dialekt, arbeitet nicht nur an der Fertigstellung ihres Romans, sondern schreibt auch mit großem Vergnügen über die Liebe an und in der Hauptstadt. Musik, Fashion, Party`s, Art - you name it.

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