OK Kid im Interview über Berliner Sonnenuntergänge, grüne Soße & „Zwei“

12.4.2016
Sophie Krause
Interviews, Music, Video

Am 08. April haben OK Kid nach drei Jahren Pause ihr zweites Album „Zwei“ veröffentlicht. Kurz bevor die Tour (alle Dates findet ihr unten) zur neuen Platte startete, konnten wir sie in Berlin zum Interview treffen.

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Meine traditionelle, erste Frage: was habt ihr heute schon gegessen?

Raffi: Wir haben heute alle das selbe gegessen, einen Falafel-Halloumi-Teller. War lecker.

Jonas: Wobei das jetzt nicht meine Henkersmahlzeit wäre.

Ihr kommt ja aus Hessen, ich habe nämlich vor ein paar Tagen zum ersten Mal grüne Soße gekocht. Ein hessisches Nationalgericht quasi. Wäre das eine Henkersmahlzeit für euch?

Moritz: Überhaupt gar nicht. Ich kriege von grüner Soße immer Ausschlag. Ich muss mal checken, was da drin ist, denn ich habe keine Ahnung, woran das liegen könnte. Ich esse ja eigentlich alles, nur da bekomme ich immer einen roten Kopf.

Raffi: Geil, grüne Soße – roter Kopf.

Moritz: Von Alkohol und grüner Soße, ja. Also für mich ist das nichts. Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti Bolognese.

Alkohol, die perfekte Überleitung! Es gibt auf dem Album den Song „Bombay Calling“. Habt ihr schon betrunken Songs kreiert?

Raffi: Ich glaube, Jonas ist relativ oft angeheitert, wenn er Songs schreibt. Bei Moritz und mir ist das ein bisschen anders, weil ich besoffen zum Beispiel gar nicht mehr produzieren kann. Ich höre dann einfach nichts mehr, da geht dann also nichts.

Jonas: Ich mag es voll, nach einer Party nach Hause zu komme und zu schreibe. Natürlich schreibe ich dann nicht so fokussiert wie sonst, ich nehme einfach mein Mike in die Hand und singe irgendeine weirde Scheiße ein, die soweit weg ist von dem, was ich schreiben würde, wenn mein Kopf voll ist. Das ist dann auch wieder geil. Angetrunken macht man Sachen, die man sich wahrscheinlich sonst nicht trauen würde.

Die Gedanken fließen dann wahrscheinlich auch einfach besser.

Jonas: Genau, der Kopf ist weg. Das mag ich aber auch generell am Songwriting. Morgens ist dafür auch eine gute Zeit, weil man frisch aufsteht und direkt loslegt. Man nennt diese kreative Phase wohl die blaue Stunde – wenn der Kopf noch nicht so rattert und die Gedanken noch wirr und ungeordnet sind. Und genau so fühlt es sich dann eben auch an, wenn ich fürs Schreiben Genussmittel zuführe. Durchaus inspirativ.

Menschen die viel schreiben, lesen die auch viel? Gibt es auf eurem Nachtisch gerade ein Buch? 

Raffi: Ich habe echt voll das Problem, dass ich mir oft Bücher kaufe, sie zu lesen anfange, sie aber nach circa hundert Seiten oft erstmal wieder weglege. Danach entstehen oft Lesepausen von vier bis sechs Wochen und dann kann ich nicht mehr einsteigen. Das ist komisch, weil ich die Lust am Lesen eigentlich nicht verliere. Vielleicht ist der Fernseher dann manchmal einfach stärker, was ziemlich dumm ist. Gerade liegt auf meinem Nachttisch auf jeden Fall das Buch von Frank Schätzing, Limit. Um in die Story wieder rein zu kommen, habe ich das auch tatsächlich noch einmal neu angefangen zu lesen.

Jonas: Ich habe Moritz vor drei Tagen mal gefragt: „Wann hast du das letzte Mal freiwillig ein Buch gelesen?“. Das wir wirklich eins ausgelesen haben, liegt Jahre zurück. Bei meinen Texten werde ich oft gefragt, wer meine Lieblingsschriftsteller wären, aber ich habe keine. Tatsächlich bin ich ein ziemlicher Kulturbanause, ich kenne mich leider überhaupt nicht aus. Was Theater betrifft überhaupt gar nicht, Filme sehr schlecht und Literatur oder generell Popkultur, also junge, neue Autoren die gerade gepusht werden, auch nicht wirklich.

Seit der letzten Platte sind drei Jahre vergangen. Was habt ihr in der Zwischenzeit gemacht? Wart ihr reisen oder seid ihr anderen Beschäftigungen nachgegangen? Ideen gesammelt?

Moritz: Eigentlich hatten wir gar keine Zeit, in den drei Jahren irgendwas anderes zu machen. Nach dem Debütalbum hatten wir eine krass lange Tour-Phase inklusive vieler Festivals. Das war 2013, 2014 auch noch und krasser Weise auch letztes Jahr. Obwohl wir da so viel Zeit fürs Songwriting eingeplant haben, haben wir trotzdem viel live gespielt. Nachdem der erste große Tour-Block vorbei war, hatten wir einen längeren Urlaub. Das war aber in den drei Jahren fast das einzige an freier Zeit.

Habt ihr den Urlaub zusammen verbracht? 

Jonas: Diesen nicht, aber wir sind auch schon zusammen in den Urlaub gefahren. Im letzten Jahr waren wir zu dritt eine Woche auf Föhr.

Moritz: Ja, das machen wir eigentlich immer mal, nach krassen Phasen zusammen wegfahren.

Ich finde, „Zwei“ klingt nachdenklicher und düsterer als der Vorgänger. Liegt das am Alter? Machen wir uns jetzt über andere Dinge Gedanken?

Jonas: Du bist mit Abstand die Erste, die das sagt. Alle anderen meinten so: „Wow, klingt die Platte fröhlich“.

Finde ich gar nicht…

Jonas: Ist ja auch gut so, denn es ist schön, auch mal andere Seiten zu sehen. Für uns ist „Zwei“ tatsächlich ein sehr lebensbejahendes Album und auch mit allen Konsequenzen. Aus dem eigenen Trott heraus kommen und wieder zu Themen eine Haltung haben. Früher war einem vielleicht viel mehr egal. Die Sonne hat sich zu viel um sich selbst gedreht. Und jetzt ist es eher so, dass man wieder entweder Abneigung, oder, was man auf dem Album auch hört, sehr ehrliche Zuneigung, die man vielleicht vorher eher kaschiert oder nicht zugelassen hat, für etwas empfindet.

Das alte Album war meiner Meinung nach nicht düsterer, aber es hatte so eine Schwere. Im Vergleich zum jetzigen Album hatte es viel weniger Hoffnung, war viel fragenstellender, so nach dem Motto: „Was mache ich eigentlich hier? Wie komme ich aus diesem Strudel wieder raus?“.

Das neue ist emanzipiert, würde ich sagen. Der Songtitel „Ich kann alles“ trifft es eigentlich ganz gut auf den Punkt. Klar, würde es jetzt nicht zu uns passen, darunter einen funky Beat zu legen. Eine gewisse Schwere wollen wir auch gar nicht verlieren. Das ist ja auch das, was Ok Kid ausmacht. Selbst ein Song wie „Bombay Calling“, in dem es ums Trinken geht, ist kein hochjubelnder Party- und Gute-Laune-Track. Das würde auch gar nicht zu uns passen.

Ich zitiere aus „Ich kann alles“: ein zahmer Vogel singt von Freiheit, ein wilder Vogel fliegt. Wenn ihr euch gegenseitig Tiere zuordnen müsstet, welche wären das?

Jonas: Na in dem Video zum Song verwandeln wir uns ja alle drei in Hunde. Das hat unseren Charakteren entsprechend schon ganz gut gepasst.

Raffi: Jonas ist so ein komischer Pudel, der nichts sieht.

Moritz: Und ich bin ein Windhund – lang und dünn.

Und das andere war ein Collie, oder?

Raffi: Nee, ein Labrador. Ich habe es da noch ganz gut getroffen.

Jonas: Aber echt! (lacht)

In „Es ist wieder Februar“ wird der dunkelste Monat des Jahres gewertschätzt. Was habt ihr diesen Februar so erlebt?

Jonas: Wir hatten zum Glück keinen harten Winter. Genau so habe ich den Februar gefühlt – heller und weniger düster, zumindest nicht in Köln. In Berlin finde ich den Winter immer furchtbar, hier wird es ja auch früher dunkel.

Echt? Das habe ich ja noch nie gehört.

Jonas: Wirklich! Ich habe das mal gegoogelt, das kann bis zu einer halben Stunde variieren. Ansonsten war im Februar das Album fertig und die Videos kamen raus. Wenn man etwas zu tun hat, dann geht der Februar schnell vorbei und dann ist auch alles gut.

Auf „Zwei“ gibt es den Song „Kalter Kaffee Part 3“. Warum habt ihr den Kaffee auf jeder eurer letzten Veröffentlichungen immer wieder aufgewärmt?

Jonas: Ähnlich wie bei „Ich kann alles“ kann man auch an der Entwicklung von „Kaffee warm“ gut herauslesen, wie es uns geht. Auf dem ersten Album waren „Verschwende mich“ und „Kaffee warm“ die persönlichsten Songs, weil es hier wirklich sehr klar um Partnerschaft geht. Kein Erguss über eine verlorene Liebe, über die ich mich ausheulen musste, aber ein Song mit dem Grundgefühl, dass man Sachen, auch wenn man weiß, dass sie einem nicht gut tun, oft nicht beenden kann, weil man in einer Ohnmacht gefangen ist. Damals gab es die Zeile „Ich will nicht, dass du weißt, dass ich nicht weiß, was ich will“, was eigentlich eine Kapitulation ist. Beim letzten Teil heißt der Satz jetzt „Ich will nur, dass du weißt, dass ich weiß, was ich will“ und stellt damit einen klaren Cut dar. Zum ersten Mal in dieser Trilogie wird eine klare Meinung zu einer Situation vermittelt und ausgesprochen. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja auch eine Quadrologie.

Ihr habt Megaloh als Feature auf der Platte. Der hat vor kurzem mit „Regenmacher“ selbst ein Album veröffentlicht. Schon gehört? Gefällt es euch?

Raffi: Voll, ein geiles Album! Er ist für mich einer der besten Rapper in Deutschland, auch, weil er so krass für eine Haltung steht, die weder gangstermäßig noch irgendwie Fun-Rapper ist. Megaloh ist einfach echt. Wir nehmen Features eigentlich generell auch nur mit rauf, wenn wir denken, dass der Song dadurch besser wird. Und bei Megaloh war das genau der Fall. Wir haben an „5. Rad am Wagen“ gesessen, hatten den Wunsch ihn draufzuhaben, er hatte Bock und wir haben es gemacht.

Letzte Frage: Was steht in den nächsten Wochen an? Worauf freut ihr euch (abgesehen von Album Release & Tour)? 

Jonas: Auf den Urlaub nach der Tour. Am 24.4. hört in Dortmund die Tour auf, am 13.05. startet das erste Festival. In der Zeit dazwischen mal wieder richtig raus kommen und endlich mal saufen und endlich mal feiern, darauf freuen wir uns sehr. (lacht) Nee, Scherz! Ich freue mich einfach nur auf Ruhe. Ich fliege nach Malle. (alle lachen)

Aber da gibt es super schöne, ruhige Ecke!

Jonas: Voll! Ich war auch noch nie da, das wird gut! Raffi fährt hingegen auf eine einsame Berghütte nach Österreich.

Raffi: Und mache da nichts anderes, außer…

… Bücher zu Ende lesen. (lacht)

Raffi: Musik machen und ja, tatsächlich, viel lesen. Ich nehme kein Handy mit, sondern will mich wirklich mal richtig entkoppeln. Da habe ich mega Bock drauf.

COVEREXACTYX

OK Kid live:
15.04. Stuttgart – Im Wizemann
17.04. Frankfurt – Gibson
18.04. Nürnberg – Hirsch
19.04. Mannheim – Alte Feuerwache
21.04. Rostock – Helgas Stadtpalast
22.04. Hannover – Faust
23.04. Leipzig – Täubchenthal
24.04. Dortmund – FZW

27.05. Konstanz – Fresh Open Air
21.-24.07. Cuxhaven – Deichbrand Festival
19.-21.08. Hamburg – Dockville Festival

19.10. Essen – Weststadthalle
20.10. Bielefeld – Foum
21.10. Bremen – Schlachthof
22.10. Münster – Sputnikhalle
23.10. Kiel – Pumpe
25.10. Berlin – Astra
26.10. Dresden – Scheune
27.10. Kassel – ARM
28.10. Karlsruhe – Substage
31.10. Augsburg – Kantine
05.11. Würzburg – Posthalle
06.11. München – Muffathalle
07.11. Wiesbaden – Schlachthof
08.11. Saarbrücken – Garage

Über den Autor

Sophie Krause Die 29jährige zugezogene Brandenburgerin mit Kodderschnauze und Speckgürtel-Dialekt, arbeitet nicht nur an der Fertigstellung ihres Romans, sondern schreibt auch mit großem Vergnügen über die Liebe an und in der Hauptstadt. Musik, Fashion, Party`s, Art - you name it.

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