Banksy: Werk und Wahnsinn

01.4.2021
Sahjah
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Wer ist Banksy? Diese Frage treibt die internationale Kunstszene bereits seit vielen Jahren um. Nur wenig ist über den britischen Street-Art Künstler bekannt. Oder ist es doch eine Street-Art Künstlerin? Selbst die Frage, ob es sich tatsächlich nur um eine einzelne Person oder doch um ein Kollektiv handelt, ist ungeklärt. Kein Wunder also, dass sich um die Person, die den Kunstbetrieb regelmäßig aufwirbelt, einige Mythen ranken.

Bekanntheit durch Anonymität

Banksy macht in erster Linie durch die Unvorhersehbarkeit der nächsten künstlerischen Aktion auf sich aufmerksam. Die Werke entstehen in tiefer Nacht abseits der Augen der Welt und werden dann erst am nächsten Morgen entdeckt. Ausgerechnet in Großbritannien, dem Land der Buchmacher, trifft das natürlich auf große Begeisterung. Die wettfreudigen Briten, die mit Fußball, Darts & Co. viele Sportarten beheimaten und um diese auch fleißig Wetten, haben sicherlich auch schon auf den Ort des nächsten Banksy-Kunstwerks gewettet. Dies gestaltet sich durchaus als interessant, sind doch die Orte seines Schaffens oft sehr spektakulär und eindrucksvoll, sodass alles möglich erscheint. Sein neuestes Werk zum Beispiel sprühte der Künstler an die Außenmauer eines englischen Gefängnisses. Die Anonymität des Künstlers oder der Künstlerin verleiht dem Ganzen noch zusätzlich Spannung. Das ungelöste Rätsel ist auch für die Medien ein Grund, immer wieder über ihn oder sie zu berichten. Mit relativer Sicherheit lässt sich sagen, dass Banksy aus Bristol in England stammt und dort vermutlich 1974 geboren wurde. Hier wurden auch die ersten Werke des Künstlers entdeckt.

Stets politisch und immer kritisch

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Dieses Kunstwerk entstand als Reaktion auf den Brexit im Jahr 2017.
Source: Pixabay / Licence: Pixabay Licence

Es begann alles mit Ratten. Ende der 90er-Jahre sprühte Banksy die Tiere in London an die Wände von unterschiedlichen Gebäuden. Im Kontext von Banksys Werken können die Nager als eine Art Selbstporträt interpretiert werden, denn auch sie sind wie der Künstler in der Nacht aktiv. In einer weiteren Deutung der Ratten als widerständig und hartnäckig lässt sich außerdem eine Form der Gesellschaftskritik herauslesen. Auch Bilder von Schimpansen gehören zu den frühen Werken des Künstlers. Das erste große Wandbild, das Banksy zugeschrieben wird, entstand 1994 und trägt den Titel „The Mild Mild West“. Auf dem Bild war ein Teddybär zusehen, der einen Molotow-Cocktail auf eine Gruppe von drei Polizisten wirft. Vermutlich entstand es als Antwort auf die heftige Reaktion der Polizei bei mehreren Raves. Das Graffiti wurde großflächig auf eine Anzeige für eine Anwaltskanzlei gesprüht. Für seine Werke nutzt Banksy Schablonen, die er an die zu besprühende Fläche hält. Auf diese Weise dauert es nicht lange, bis ein Bild fertig ist und erlaubt Banksy schnell wieder zu verschwinden, bevor jemand die Chance hat, ihn zu enttarnen. Ein wesentliches Merkmal der Graffitis ist die dahinterstehende politische Dimension. Satire, dunkler Humor und Ironie sind die Werkzeuge, mit denen Banksy politische wie auch gesellschaftliche Themen der breiten Bevölkerung nahe bringt. Indem auch immer wieder Graffitis außerhalb Englands auftauchten, fanden Banksys Werke schnell internationale Beachtung. Als gesellschaftskritischer Künstler lehnt Banksy die Kommerzialisierung der Kunst ab. Dies wird unter anderem dadurch zum Ausdruck gebracht, dass für die Bilder in der Regel ein unbeständiger Malgrund gewählt wird, die Werke nach einer bestimmten Zeit also von selbst wieder verschwinden. Aber auch die Tatsache, dass sich Banksy nicht zu erkennen gibt, kann als Verweigerung der Vermarktung der eigenen Person gelesen werden. Hierin liegt wiederum die für seine Kunst typische Ironie, denn gerade die Anonymität ist eine der Zutaten seines Erfolgsrezepts.

An den meisten öffentlichen Orten ist das Besprühen von Flächen mit Graffitis illegal. So werfen Banksys Arbeiten auch immer die Frage nach der Grenze zwischen öffentlicher Kunst und Vandalismus auf. Vor allem dann, wenn ein unbekannter Street-Art Künstler aufgrund der gleichen Tat rechtliche Konsequenzen fürchten muss, während Banksys Graffiti zu einem schützenswerten Kunstwerk erklärt wird.

Was ist echt und was nicht?

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Eines der bekanntesten Werke Banksys: „Girl with Ballon“
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Im Oktober 2018 erregte Banksy mit der Selbstzerstörung eines seiner Bilder große Aufmerksamkeit. Im Rahmen einer Sotheby’s Auktion in England stand sein Bild „Girl with Balloon“ zum Verkauf. Direkt nachdem es für eine Million Pfund (1,18 Millionen Euro) versteigert wurde, aktivierte sich ein im unteren Bereich des Bilderrahmens eingebauter Schredder, der das Bild bis zur Hälfte einzog und in saubere Streifen teilte. Laut Banksy hätte eigentlich das gesamte Bild zerstört werden und so seine Kritik am Kunstmarkt noch stärker hervortreten sollen. Eine Fehlfunktion des Schredders verhinderte dies jedoch. Trotz des Schadens bezahlte die Käuferin den vollen Preis. Im Jahr 2019 übergab sie das Kunstwerk der Staatsgalerie Stuttgart als Dauerleihgabe. Dort ist es nun unter dem neuen Titel „Love is in the Bin“ zu finden.

Ein Künstler, der es mit seiner Kunst schafft, die Massen anzusprechen, ohne dabei an Tiefgründigkeit zu verlieren, stellt einen großen Reiz für viele Kunstgalerien dar. So kommt es, dass weltweit immer wieder Ausstellungen eröffnen, die ohne das Wissen oder die Mitarbeit von Banksy entstanden sind. Dass der Künstler nicht auf solch fremdorganisierte Ausstellungen angewiesen ist, zeigen die Besucherzahlen der Veranstaltungen, die er selbst auf die Beine gestellt hat. In nur sechs Wochen zog seine Ausstellung „Banksy vs. Bristol Museum“ im Jahr 2009 ganze 308.719 Besucher an. Allein der Titel der Ausstellung kann als eine Provokation gegenüber des konventionellen Kunstbetriebs gedeutet werden. Auch 2006 schaffte es Banksy mit 30.000 Besuchern eine hohe Zahl in seine Ausstellung „Barely Legal“ in Los Angeles zu locken. Neben unautorisierten Ausstellungen kursieren auch Fälschungen von Bildern in der Welt, so wie es bei fast jedem erfolgreichen Künstler der Fall ist. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten und auch weiterhin vom kommerziellen Kunstbetrieb unabhängig zu sein, hat Banksy einen eigenen Authentifizierungsservice, der die Käufer vor Betrug schützen soll. Die Abteilung, welche für diesen Service zuständig ist, trägt den Namen „Pest Control“ und ist daneben auch für die Kommunikation mit dem Künstler verantwortlich. Dieser ist nur über „Pest Control“ kontaktierbar. Jegliche ihm zugeschriebenen Social Media Accounts sind nicht echt.

Das künstlerische Vermächtnis

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Für seine Bilder sucht sich Banksy immer wieder neue Untergründe. Source: Pixabay / Licence: Pixabay Licence

Banksy hat durch sein Schaffen die Street-Art nachhaltig verändert. Ihm wird die Transformation des Graffitis vom typischen „Bubble-Writing“ Stil aus den 80er-Jahren in die erzählerische Straßenkunst von heute zugeschrieben. Auch Künstler wie Shepard Fairey, Zevs und Ron English übten großen Einfluss auf diese Entwicklung aus. Wie sehr Banksy trotz oder gerade wegen seiner Anonymität es geschafft hat, mit seinen Werken in der Gesellschaft eine große Resonanz zu wecken und ins Mainstream überzugehen, zeigt seine Auszeichnung als „Greatest Living Briton“, die er am 21. Mai 2007 erhielt.

Das plötzliche, überfallartige Auftauchen mitten in der Nacht und das sofortige Verschwinden nach getaner Arbeit fällt unter den Begriff der Guerilla-Kunst, an deren Entwicklung Banksy maßgeblich beteiligt war. Eines ihrer Merkmale besteht darin, dass sie häufig mit dem Umfeld spielt und dieses mit in das Werk integriert. Guerilla-Künstler versuchen auf diese Weise Macht von mächtigen Widersachern zurückzugewinnen. Entsprechend muss der Standort des Werkes immer in die Rezeption sowie Interpretation mit eingebunden werden. Außerdem werden häufig Abbildungen von Politischen Figuren, Maskottchen, Logos und offizielle Währungen verwendet, um die die kritische Aussage des Bildes herauszustellen.

Die größtenteils positiven Reaktionen der Öffentlichkeit auf Banksys Graffitis sorgte für die Legitimierung der Street-Art als praktikable Form der öffentlichen Kunst. Nichtsdestotrotz dauert die Debatte um die Grenzen zwischen Vandalismus und künstlerischen Schaffens an und wird immer wieder durch neue Werke von Banksy befeuert.

Dem Geheimnis auf der Spur

Bis heute kann die Öffentlichkeit nur Vermutungen über die wahre Identität des Künstlers anstellen. Allerdings tauchen im Rahmen von regelmäßig neu aufkommenden Spekulationen immer wieder Namen auf. Unter anderem durch die Erstellung von Bewegungsprofilen will man dem Künstler auf die Schliche kommen. So stand auch schon mal der Name des Schweizer Künstlers Maître de Casson im Raum. Dieser bestreitet dies jedoch auf seiner Webseite. In einem Interview nannte der DJ und Produzent Goldie Banksy versehentlich Rob, weshalb vermutet wird, dass der Name des Street-Art-Künstlers Robert oder Robin lautet. Das Spiel mit der Anonymität kann als Teil von Banksys Gesamtkunstwerk betrachtet werden. Während seiner neusten Aktion ließ sich der vermummte Künstler sogar filmen und veröffentlichte das Video auf seiner Internetseite.

Über den Autor

Sahjah Street Art * Lifestyle * Pizza **Kiel**

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